Sprayen: Erlaubt und erwünscht

Mit Street Art gegen Vandalismus

An der Hauswand, an Zugwagons oder unter der Autobahnbrücke – illegale Sprayereien sehen wir fast täglich. Graffiti ist heute Teil eines jeden Stadtbildes, wenn auch nicht immer ein schöner. Mit Angeboten wie der «Hall of Fame» bietet die Gemeinde Emmen Sprayerinnen und Sprayern eine legale Plattform.

Autorin: Larissa Brochella

Spraywände wie die «Hall of Fame» in Emmen haben den Zweck, die Graffitikultur aus der Illegalität zu führen und den Künstlerinnen und Künstlern legale und attraktive Übungsflächen zu bieten. (Bilder: Gemeinde Emmen)

Graffitikunst, wie wir sie heute kennen, hat sich in den 70er-Jahren in New York etabliert, wo sogenannte «Writer» ihre Namen, Pseudonyme und Strassennummern verewigten. Das «Tagging», die kleinste und einfachste Form der illegalen Selbstdarstellung, findet man dabei bereits in den 30er- Jahren und wurde von Strassenbanden als Kennzeichnung des Reviers genutzt. «Tags» sind meist einfarbig und enthalten lediglich das Pseudonym des Sprayers oder der Sprayerin. Heute werden sie häufig mit Permanentmarkern angebracht, wobei Ästhetik keine Rolle spielt und es einzig und allein darum geht, Präsenz zu markieren.

Vandalismus oder Kunst?

Mit etwas Verzögerung schwappte die «Graffiticraze» dann auch nach Europa über. Inzwischen hat sich Street Art vom blossen Sprayen von Schriftzügen hin zu ganzen Wandbildern entwickelt und wird heute als eigene Kunstform anerkannt. Doch ist illegale Graffiti Vandalismus oder Kunst? In der Schweiz sind wir uns da, zumindest gesetzlich gesehen, ziemlich einig. Fakt ist, dass illegale Sprayereien rund 30 Prozent der 2021 verzeichneten Vandalismusdelikte im Kanton Luzern ausmachen (Lustat).

«Illegale Sprayereien verwüsten das Ortsbild und sorgen bei den Anwohnenden für ein Gefühl der Unsicherheit», ist Christoph Odermatt, Leiter Bereich Sicherheit bei der Gemeinde Emmen, überzeugt. Hastig mit Filzstift gekritzelte Postleitzahlen und achtlos gesprayte Pseudonyme sind wohl wahrhaftig nicht, was die meisten Menschen unter Kunst verstehen. Die Entfernung verursacht ausserdem hohe Kosten, wie die Sprayereien an den Schulhäusern Erlen und Hübeli im Oktober 2021 zeigten. Der Sachschaden belief sich auf rund 16 000 Franken. «Den Sprayerinnen und Sprayern muss bewusst werden, dass ihre Handlungen strafrechtlich relevant sind», so Odermatt.

«Hall of Fame»

Doch was passiert, wenn Graffiti legal praktiziert werden darf? Die «Hall of Fame» in Emmenbrücke geht mit gutem Beispiel voran. An drei verschiedenen Standorten dürfen angehende sowie erfahrene Künstlerinnen und Künstler ihrer Kreativität mit der Spraydose freie Bahn lassen und ihre Kunstwerke in aller Ruhe perfektionieren.

«Graffiti gibt es sowieso. Wir haben die Wahl zwischen unschönen, illegalen Sprayereien oder einer legalen Plattform für Graffiti in geordneten Bahnen», erläutert Christoph Odermatt. Bei der Gründung der ersten «Hall of Fame» an der Hochwasserschutzmauer der Kleinen Emme hat das Jugendbüro Emmen Regeln aufgestellt. Diese sind auf Tafeln an allen drei Standorten vermerkt und regulieren den Gebrauch der Wände.

«Graffiti gibt es sowieso. Wir haben die Wahl zwischen unschönen, illegalen Sprayereien oder einer legalen Plattform für Graffiti in geordneten Bahnen.»

Christoph Odermatt, Leiter Bereich Sicherheit Gemeinde Emmen

Raum für Kreativität

«Wir geben jungen Menschen mit der ‹Hall of Fame› einen Raum, in dem sie sich kreativ ausleben und weiterentwickeln können, wo ohne Zeitdruck neue Designs entworfen und andere Künstlerinnen und Künstler aus der Szene kennengelernt werden können», so Steffi Boo, Mitarbeiterin Jugendbüro Emmen. Und dies ganz ohne den Stress, dabei erwischt und sanktioniert zu werden. So ganz nebenbei werten die Künstlerinnen und Künstler das Ortsbild mit ihren farbigen Werken auf.

Ich spraye, also bin ich

Menschen, die den Reiz des Sprayens alleine aus dem Illegalen ziehen, können damit sicher nicht abgeholt werden. Denn die Motivation ist eine grundlegend andere, weiss auch der Emmer Sicherheitsleiter Christoph Odermatt: «Es geht darum, das eigene Revier zu markieren, sich selbst darzustellen und damit im besten Fall noch den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern.»

Die «Tags» fungierten dabei als Trophäe. Der Genugtuung der Sprayerinnen und Sprayer kann mit der raschen Entfernung der «Werke» jedoch sehr effizient entgegengesteuert werden. Das mindert das Erfolgsgefühl der Aktion erheblich und verhindert, dass andere Sprayerinnen und Sprayer versucht sind, sich an derselben Stelle zu verewigen.

Doch auch wenn die Spraydose erst seit dem letzten Jahrhundert zum Einsatz kommt, ist der Wunsch nach Selbstdarstellung auf keinen Fall etwas Neues. Bereits im alten Ägypten können in Tempeln und Grabstätten nebst Wandmalereien auch Inschriften gefunden werden. Häufig bestehen diese aus den Namen der Schreiberinnen oder Schreiber.

Das Jugendbüro Emmen hat Tafeln mit Regeln und Sicherheitshinweisen an den legalen Spraywänden angebracht, die bei der Benutzung gelten.

Graffiti als Kunstform

Dem langjährigen Graffitikünstler Ivo Widmer bietet das Sprayen einen Ausgleich zum Alltag. «Zum einen verbringe ich eine gute Zeit mit Freunden im Freien. Zum anderen kann ich meinen Schriftzug weiterentwickeln, an welchem ich bereits seit 20 Jahren arbeite.» Das Sprayen sei für ihn eine Möglichkeit, sich kreativ zu verausgaben, und versetze ihn dabei in einen Flow-Zustand, in dem er wunderbar abschalten könne.

«Als die Hochwasserschutzmauer an der Kleinen Emme gebaut wurde, wusste ich, hier wäre der ideale Standort für eine ‹Hall of Fame›», so Widmer. Damals habe er nicht unweit von der Wand gewohnt und bekam den Bau dadurch direkt mit. Bevor er die erste «Hall of Fame» im Jahr 2009 ins Leben gerufen hat, musste er zum Sprayen jeweils nach Bern oder Sarnen fahren, wo es bereits legale Flächen gab.

«Das Jugendbüro Emmen hat mich bei der Umsetzung der Idee tatkräftig unterstützt», führt Widmer aus. Da es für die Freigabe der Wand eine Baueingabe brauchte, sei der Kontakt zur Gemeinde für die Umsetzung essenziell gewesen. Widmers Aufgabe bestand hauptsächlich darin, die Bedürfnisse der Zielgruppe zu vertreten. Seit Ivo Widmer die erste «Hall of Fame» in der Gemeinde Emmen initiiert hat, sind zwei weitere hinzugekommen. 2011 hat man sich entschieden, das Angebot auszubauen und die Standorte Reuss und Schwanderhof hinzugeholt.

Besser als grauer Beton. Besser aber legal. Bunter Ausschnitt der «Schwanderhof Hall of Fame» nahe der gleich­namigen Bushaltestelle.

Erfolgskonzept Legalisierung

Die «Hall of Fame» besteht mittlerweile seit über zehn Jahren. «Die Erfahrung zeigt, dass legale Spraywände zu einer Reduktion von illegalen Sprayereien führen. Ausserdem unterstützt sich die Szene gegenseitig, tadelt jedoch auch, wenn die Regeln missachtet werden», so Steffi Boo, Mitarbeiterin im Jugendbüro Emmen.

Dieser Feststellung pflichtet Christoph Odermatt bei, ist sich zugleich aber bewusst, dass illegale Sprayereien kaum gänzlich aus der Welt zu schaffen sind und immer wieder Thema sein würden. Immerhin: Mit Angeboten wie der «Hall of Fame» und der raschen Entfernung illegaler Sprayereien habe man gleichzeitig wirkungsvolle präventive Massnahmen zur Hand.

Die drei Emmer «Halls of Fame» finden sich an der Hochwasserschutzwand entlang der Kleinen Emme, am rechtsufrigen Reussweg (Ebikon) und nahe der Bushaltestelle Schwanderhof.

Die «Hall of Fame» heute

Nach wie vor ist das Jugendbüro aktiv bei der «Hall of Fame» unterwegs. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überprüfen, ob die Regeln eingehalten werden, reinigen die Tafeln und bauen persönlichen Kontakt zu den Sprayenden auf. «Es wurde eigens ein Chat ins Leben gerufen, damit sich Sprayerinnen und Sprayer austauschen und Anfragen für Sprayaufträge weitergegeben werden können», erzählt Steffi Boo.

Ausserdem führten sie auf Nachfrage der Jugendlichen Workshops durch. Dort lernen diese die Geschichte von Graffiti näher kennen und bringen ihre eigenen Ideen auf die Wand. Auch die Folgen von illegalem Sprayen werden den Jugendlichen klar aufgezeigt. «Bisher hatten sie immer viel Freude an den Workshops», resümiert Sozialarbeiterin Boo. Auch wenn die grosse kreative Freiheit eine Herausforderung darstelle.

«Graffiti macht die Gemeinde Emmen bunter, offener und jünger im Erscheinungsbild.»

Ivo Widmer, Graffitikünstler

Offener, bunter, jünger

«Als Jugendlicher hätte ich mich sehr darüber gefreut, ein solches Angebot zu haben», sagt Graffitikünstler Ivo Widmer. Auch heute spraye er noch mindestens ein bis zwei Bilder monatlich an eine der drei legalen Wände in Emmenbrücke und es erfülle ihn jedes Mal mit Stolz, wenn er an der Wand an der Kleinen Emme vorbeigehe und die bunten Bilder sehe. Besonders freut ihn dann, wenn er beobachtet, dass Menschen sich vor den Bildern fotografieren lassen. «Ich bekomme häufig Rückmeldungen von Passanten, welche Freude an den Graffiti an der ‹Hall of Fame› haben».

Graffiti sei ein fester Bestandteil unserer Kultur und das sei auch gut so, findet Widmer: «Graffiti macht die Gemeinde Emmen bunter, offener und jünger im Erscheinungsbild.»

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