Geschlechterrollen

«Was jede Hausfrau macht, wird bei mir zur Ausnahmeleistung»


Er passt zu Hause auf die Kinder auf, schmeisst den Haushalt, ist Vollzeit-Hausmann. Sie geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause. Dieses Familienmodell sorgt nicht selten für staunende Gesichter – derart verankert ist die altbekannte Rollenverteilung in den Köpfen der Schweizerinnen und Schweizer. Traditionellen Geschlechterrollen zum Trotz will das Emmer Ehepaar Bucher zeigen: Mann kann, was Frau kann und umgekehrt.

Autorin: Larissa Brochella

Eine Familie «von der Rolle»: Sandro und Olivia Bucher mit ihren beiden jüngeren Söhnen. (Bild: lbr)

«Von der Rolle» heisst der Dokumentarfilm von Verena Endtner, der vor rund einem Jahr zum ersten Mal in den Schweizer Kinos zu sehen war. Drei Familien werden darin vorgestellt – mit einer Gemeinsamkeit: Männer tragen gleich viel oder weniger als ihre Partnerinnen zum gemeinsamen Einkommen bei und übernehmen einen Grossteil der Kinderbetreuung. Das ist in der Schweiz noch immer eine Seltenheit. Gemäss Bundesamt für Statistik gehen 1,8 von 10 Männern einer Teilzeitarbeit nach, während es bei den Frauen 6 von 10 sind. Noch viel seltener trifft man auf ein Familienmodell, wie es Olivia und Sandro Bucher leben, eine der drei Familien, die im Film porträtiert werden: Sandro Bucher ist Vollzeit-Hausmann und kümmert sich um die drei gemeinsamen Söhne, während seine Frau, die Emmer FDP-Einwohnerrätin Olivia Bucher, zu 90 Prozent in einer Führungs­position bei der Viva Luzern AG arbeitet.

Antworten ohne Fragen

«Man muss gar nicht fragen, was die Leute denken, denn sie sagen es einem sowieso», meint Olivia Bucher lachend. Bereits vor der Geburt ihres ersten Kindes sei klar gewesen, dass er als Hausmann die Kinderbetreuung übernehmen und sie nach der Babypause wieder ihrem Beruf nachgehen würde. Sorgen darum, was andere von ihrer eher ungewöhnlichen Rollenverteilung halten könnten, habe sich das Paar nie gemacht. «Man blockiert sich bloss selbst, wenn man nach den Vorstellungen anderer lebt», so Ehemann Sandro Bucher.

Mit einer Mutter, die selbst schon früh wieder anfing zu arbeiten und ihren Job liebte, bekam Olivia Bucher ihre Einstellung gegenüber Familie und Beruf praktisch in die Wiege gelegt: «Meine Mutter hat mich immer dazu angehalten einen Beruf zu lernen, an dem ich Gefallen finde, und diesem Ratschlag bin ich stets gefolgt.» Bereits bevor sie mit ihrem Ehepartner eine Familie gründete, hatte sich die junge Mutter eine Karriere aufgebaut. Diese aufzugeben, kam für sie nicht in Frage.

«Die Frage, ob das Zusammenleben so für beide noch stimmt, besprechen wir immer wieder.»


Sandro Bucher

«Ich war nie sonderlich karriereorientiert», meint hingegen Hausmann Sandro Bucher. Sein Vater arbeitete als Lastwagenchauffeur und war dank eines frühen Starts in den Arbeitstag häufig bereits am Nachmittag wieder zu Hause. «Er verbrachte viel Zeit mit uns Kindern. Ausserdem mussten wir alle mitanpacken. Egal, ob Mädchen oder Junge.» Sandro Bucher habe sich deshalb gut vorstellen können, die Kinderbetreuung und Hausarbeit zu übernehmen. Daran habe sich bis heute auch nichts geändert, dennoch sei ein regelmässiger Austausch über die eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse enorm wichtig. «Die Frage, ob das Zusammenleben so für beide noch stimmt, besprechen wir immer wieder.»

Vaterrolle in der Schweiz

Eine Umfrage der Stiftung Elternsein zeigt: Schweizer Väter nehmen die Beziehung zu ihren Kindern als innig wahr und wollen sich für ihre Anliegen Zeit nehmen. Trotzdem empfinden sie die Zeit, die sie für ihre Kinder neben dem Beruf haben, häufig als zu knapp. Im Kanton Luzern gehen 81 Prozent der Männer einem Vollzeitpensum nach, während es bei den Frauen gerade einmal 39 Prozent sind (LUSTAT). Die Rolle des Haupternährers haben in den meisten Fällen noch immer die Väter inne.

Diese tritt in Konflikt mit dem Bedürfnis heutiger Väter, im Leben ihrer Kinder präsent zu sein. Dieses neue Verständnis der Vaterrolle nimmt auch die Jugend- und Familienberatung Emmen wahr. In den letzten Jahren habe ein spürbarer Wandel stattgefunden: Väter nehmen vermehrt an Beratungsterminen teil, wollen in das Leben ihrer Kinder stärker involviert sein und fordern auch nach Trennungen häufiger einen intensiven Kontakt zu den Kindern.

Teilzeit-Karriere

«Es fängt bei einem selbst an», ist Olivia Bucher überzeugt, «schon vor der Schwangerschaft sollte man sich Gedanken machen und das Familienleben gemeinsam designen.» Denn nach der Geburt sei alles neu und anstrengend und die Hormone spielten verrückt – es sei leicht, dabei in bekannte Muster zu verfallen. Auch im Beruf müssten Frauen mehr fordern und Jobs, die ihren Qualifikationen nicht entsprechen oder nicht angemessen entlohnt werden, nicht annehmen.

Die Voraussetzungen dafür, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen, müssten aber auch die Arbeitgeber schaffen, erklärt Olivia Bucher. Grössere Firmen hätten viele der aktuellen Bedürfnisse von Familien erkannt: «Sie bieten längere Vaterschaftsurlaube und vermehrt Teilzeitpensen und Job-Sharing-Modelle, auch in höheren Positionen. Zu den KMU muss dieser Trend unbedingt noch durchsickern.»

Familie Bucher im Film «Von der Rolle». (Bild: PD)

Familie Bucher im Film «Von der Rolle». (Bild: PD)

Doch auch gesellschaftlich müsse ein Umdenken stattfinden. Die Stigmatisierung von Frauen, die Kinder haben und Karriere machen wollen, schaffe noch immer zusätzliche Hürden: «Mütter werden häufig als schlechtere Arbeitskräfte wahrgenommen.» Ausserdem stünden Frauen, die nach dem Mutterschaftsurlaub wieder anfangen zu arbeiten, unter enormem Druck, Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bekommen: «Mir tut es leid, wenn ich sehe, wie viel gewisse Frauen zusätzlich zum Job noch an Haus- und Fürsorgearbeit leisten», sagt Olivia Bucher.

Vollzeit-Hausmänner gesucht

Hausmann Sandro Bucher bekommt schon für die alltäglichsten Tätigkeiten viel Lob: «Manchmal ist es fast schon übertrieben. Was jede Hausfrau macht, wird bei mir plötzlich zur Ausnahmeleistung», meint er mit einem Grinsen im Gesicht. Vor allem am Anfang habe bereits ein selbst gebackener Geburtstagskuchen für Begeisterungsstürme gesorgt. «Das war manchmal schon ziemlich nervig», gibt seine Ehefrau zu. Sandro Bucher schätze am Hausmann-Dasein besonders, dass er sich die Arbeit ganz selbst einteilen kann. Ausserdem sei die starke Bindung zu seinen Söhnen ein grosser Pluspunkt, denn diese sei zwischen Mutter und Kind von Natur aus viel ausgeprägter.

«Als unser ältester Sohn eingeschult wurde, war ich noch der einzige Vater, der allein an Schulanlässen und Elternabenden teilnahm», erzählt Sandro Bucher. Seither habe ein spürbarer Wandel stattgefunden: Junge Väter wollen stärker in das Leben ihrer Kinder involviert sein. Trotzdem trifft Hausmann Bucher nur selten auf andere Väter, die als Vollzeit-Hausmänner komplett auf eine herkömmliche Erwerbsarbeit verzichten.

«Die Kamera auszublenden, war nicht immer ganz einfach, besonders für die Kinder.»


Olivia Bucher

Eine schicksalhafte Begegnung

Teil des Dokumentarfilms von Verena Endtner wurde die Familie Bucher durch einen gemeinsamen Bekannten, Kolumnist und Hausmann Bänz Friedli, den Olivia und Sandro Bucher an einem seiner Auftritte kennengelernt hatten und der sie an die Regisseurin vermittelte. Daraufhin wurde die junge Familie über fünf Jahre hinweg von einem Filmteam begleitet: «Die Kamera auszublenden, war nicht immer ganz einfach, besonders für die Kinder», erzählt Olivia Bucher. Trotz der ungewohnten Situation seien sie mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.

«Wir bekommen häufig die Rückmeldung, dass wir als Familie authentisch und harmonisch rüberkommen.» Dass man sieht, dass sie gemeinsam als Team arbeiten, finden die Buchers sehr schön. «Wir wollen zeigen, dass auch Männer einen Grossteil der Kinderbetreuung übernehmen können, und andere dazu motivieren, ihr Familienleben genau so zu gestalten, wie es für sie stimmt», meint Olivia Bucher.

Familie Bucher im Film «Von der Rolle». (Bild: PD)

Sandro Bucher im Film «Von der Rolle». (Bild: PD)

Von der Rolle

Akzeptieren wir verkrustete Rollenbilder oder leben wir selbstbestimmte Familienmodelle? Der Film «Von der Rolle» begleitet drei Fami­lien im Alltag, wo sich Väter stärker in der Betreuungsarbeit engagieren als Mütter.

Olivia und Sandro Bucher aus Emmenbrücke stellen mit ihren drei Söhnen eine der drei porträtierten Familien dar und geben Einblick in ihr Familienmodell: Vollzeit-Hausmann Sandro und Businessfrau Olivia Bucher haben die Rollen getauscht. Der Film kann unter anderem auf cinefile.ch gestreamt werden.

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