Kirchengeschichte(n)

Funktional, historisch und alles dazwischen


Von süss über salzig, von Begeisterung über Entrüstung – die Führung «Drei Kirchen, drei Zeiten, drei Welten» von Historiker Kurt Messmer, organisiert vom Forum Gersag, hält nicht nur für die Geschmacksknospen ein abwechslungsreiches und stimulierendes Programm bereit. Witzige Anekdo­ten und fundierte Exkurse gehören zu Messmers Erzählstil genauso dazu wie die leidenschaftliche und packende Art, mit welcher der 75-jährige Historiker sein Wissen vermittelt.

Autorin: Larissa Brochella

Blick auf die Kirche Gerliswil. Stiluntreue? Mitnichten. Dahinter steckt ein vollendetes Konzept, verrät der Experte. (Bild: lbr)

Etwas ausser Atem nach erklommenen 68 Treppenstufen, die vom Sonnenplatz zur Kirche Gerliswil führen, komme ich auf dem Platz vor dem mächtigen Sakralbau an. Das Stimmengewirr lässt bereits von Weitem erahnen, dass die Führung gut besucht sein würde. «Grüss Gott», meint die ältere Frau bei der Kasse freundlich zu mir und führt mich sofort in die Welt der Bauten ein, die wir in den nächsten Stunden erkunden würden.

Eine Kirche muss her

Sogleich wird mir etwas zu trinken angeboten. Apfelsaft, Wasser und ein Assortiment an Softgetränken ergänzen den liebevoll angerichteten Apéro, der kleine süsse und salzige Häppchen für die rund 40 Teilnehmenden bereithält. Viele sind Mitglieder des Vereins Forum Gersag, der im Monatstakt Veranstaltungen, Referate und Führungen zu verschiedensten Themen organisiert.

Sobald alle sich mit belegten Broten und Süssgetränken eingedeckt haben, führt Vorstandsmitglied Manuela Bruni in die bevorstehende Zeitreise ein. «Musste hier einfach unbedingt noch eine Kirche hin, weil das Quartier so stark gewachsen ist?», fragt sie Kurt Messmer keck und spielt damit auf die gespaltenen Meinungen zur Ästhetik des ockerfarbenen Sakralbaus an.

Die Antwort – so Historiker Messmer – laute Ja und er erläutert sogleich den historischen Kontext des Kirchenbaus in Gerliswil 1913 bis 1915. Anfang 20. Jahrhundert folgten auf den Bau der neuen Betonbrücke beim Seetalplatz die Gründung der Viscose sowie das unweit der Kirche Gerliswil gelegene Schulhaus Krauer, und bereits wurde das Arbeiterquartier Sonnenhof geplant. Dieses stetige Wachstum führte zur Erkenntnis: Eine Kirche muss her.

«Architektur spricht.»


Kurt Messmer, Historiker

«Weder Fisch noch Vogel»

Messmer erzählt mit einer ansteckenden Begeisterung, die einem bald schon viel mehr als bloss einen Eingang, einen Bogen oder ein Fenster sehen lässt. «Weder Fisch noch Vogel» sei das Werk von Architekt Adolf Gaudy früher hin und wieder in seiner Stilvielfalt gerügt worden. Doch schenkt man Messmer in seiner unbeirrbaren Überzeugung sofort Glauben, wonach das Zusammenspiel von Elementen des Barock, Historismus und Jugendstils keineswegs willkürlich sei und die Kirche Gerliswil vielmehr einem vollendeten Konzept unterstehe.

Während des kurzen Spaziergangs zur Kirche Erlen haben wir Zeit, um die vielen Eindrücke zu verdauen. Bereit für noch mehr Geschichte treten wir sodann in die Kirche im Stil des Funktionalismus ein. «Architektur spricht», meint Messmer und zieht den Vergleich zu der zuvor besichtigten Kirche Gerliswil. Mit ihrem Standort auf dem Hügel hebe sich diese geradezu von allem rundherum ab. Die reformierte Kirche Erlen hingegen wurde in den Hang hinein und direkt an eine Strasse gebaut und sende somit ein ganz anderes Zeichen. Sie gehe zu den Menschen hin, mitten in die Gemeinschaft hinein.

Kirche Erlen. (Bild: zvg)

Kirche Schooswald. (Bild: zvg)

Es sind diese interpretativen und kontextuellen Einordnungen, die das eher trockene Thema zugänglich machen. Mit gelegentlichen Fragen regt Messmer zum Mitdenken an und lädt dazu ein, den eigenen Interpretationen und Eindrücken Raum zu geben. Auch der eine oder andere Exkurs darf nicht fehlen. Doch so spannend die persönlichen Einwürfe und witzigen Anekdoten des Historikers sind, gehen diese ab und an insofern auf Kosten des roten Fadens, als Zusammenhänge unergründet und Erzählungen unvollendet bleiben.

Natur und Kultur

Nicht unweit der Kirche Erlen liegt die dritte und letzte Station der Führung, die Schooswaldkapelle. Der Bau im Stil der gemässigten Moderne beeindruckt durch Glasfronten auf der Seite und hinter dem Altar. Die Stimme von Messmer tritt zuweilen in den Hintergrund, während die Naturoase, die sich hinter ihm eröffnet, mich in ihren Bann zieht. «Die Verschmelzung von Natur und Kultur ist hier unglaublich gut gelungen», meint Messmer dazu.

Es ist gerade diese spürbare Leidenschaft, die Kurt Messmer zu einem ungemein sympathi­schen Erzähler macht. Mit einer Viertelstunde Verspätung löst sich die Gruppe allmählich auf und ich lasse den märchenhaften Anblick der Schooswaldkapelle gesättigt und zufrieden hinter mir zurück.

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