Blick zurück im Emmen Dorf

«Weisch no …?» – Schule früher und heute


«Weisch no, als wir den ersten Schultag hatten? Da ... ja, wie war das denn schon wieder? Auf jeden Fall sind wir ohne die Eltern in die Schule gekommen. Vielleicht haben ältere Geschwister zu uns geschaut. Wir gingen einfach in die Schule und wurden auf eine Bank gesetzt. Schule war ganz normal, so gingen wir hin wie dann an all den anderen Tagen auch.»

Autorin: Liliane Wiler

Unsere Besucher und Ehrengäste (v.l.): Walter Seiler, Erwin Fries, Ferdi und Heidi Muff. (Bild: Jesco Tscholitsch)

Das war die erste Antwort auf eine von vielen Fragen, welche wir den ehemaligen Lernenden aus dem Schulhaus Emmen Dorf stellen durften. Sie gingen nicht vor fünf oder zehn Jahren hier zur Schule, sondern vor 75 Jahren. Da hat sich doch einiges verändert. Nicht nur die Anzahl Lernender und Lehrender in einer Klasse, sondern vieles mehr.

Um genauer herauszufinden, was denn der grosse Unterschied zu früher ist, begleiteten uns am ersten Schultag Ferdi Muff (Jahrgang 1939) mit seiner Frau Heidi (welche jahrelang Radprüfungen in Emmen begleitete), Erwin Fries und Walter Seiler (beide Jahrgang 1940). Sie nahmen an der Begrüssung der Lernenden, Lehrpersonen und der Eltern am ersten Schultag im «Emmen Dorf» teil, schauten danach in einzelne Klassenzimmer hinein und beantworteten all die Fragen, die wir ihnen stellen durften.

«Man nannte mich den Schrecken vom Unterdorf.»


Walter Seiler

Anekdote um Anekdote

Heute laufen die 1.-Klass-Kinder durch ein Spalier aller grösseren Schülerinnen und Schüler über den roten Teppich ins Schulhaus, werden dabei von den Lehrpersonen und allen Kindern mit einem Lied begleitet und bekommen am Eingang eine Sonnenblume überreicht. Das alles sei heute super organisiert und ein wunderbarer Empfang für die vielen flotten Kinder, die hier in die Schule gehen, meinen Walter Seiler und Ferdi Muff einstimmig.

Beim kurzen Rundgang durch das Schulhaus erinnern sich die drei Herren, die ihre Primarzeit hier verbrachten, an einiges. «Der Lehrer Suppiger, der hat doch immer ...» «Ja, aber der Kehl war auch ...» «Und der Elias, dessen Sohn doch Zeichnen gab, der hat doch auch das Bild beim Eingang gemalt.» So erzählten sie Anekdote um Anekdote.

Neue, bekannte Welt

Auf die Frage, was sich im Schulhaus denn am meisten verändert hatte, meinten sie, dass die Schule von aussen immer noch die gleiche sei. Ausser die Sandsteinbänkli – hinter oder unter denen sie sich vor dem Religionslehrer versteckt hätten – die seien nicht mehr da. In der Schule sei es aber offensichtlich anders. Die erste Überraschung lauert gleich hinter der ersten Tür: Wo unsere Besucher ehemals geturnt hatten, befindet sich heute die Tagesstruktur. Selbstverständlich turnten nur die Knaben mit, die Mädchen waren ja in der Nähschule – vielleicht auch bekannt als Schnurpfi?

Die Zimmer seien allgemein viel heller und aufgelockert, mit den «nur» 18 Kindern könne man auch ganz anders arbeiten als damals. Nicht so, wie mit den 35 Schülerinnen und Schülern, welche zu ihrer Zeit in einem Zimmer in geraden Pultreihen sassen. Die Frage eines 2.-Klässlers, ob sie denn auch einen Kreis in der Mitte des Schulzimmers gehabt hätten, beantworten sie nicht überraschend mit Nein. «Unsere Pulte und die Bänke waren verbunden, man konnte sie nicht so flexibel verstellen. Die Pultdeckel waren zum Aufklappen und oben am Pult war das Tintenfass für unsere Federhalter. Damit wir schreiben konnten, wenn wir nicht auf der Schiefertafel geschrieben haben.» Dafür zeigte ein 2.-Klässler stolz, wie man auf dem interaktiven Whiteboard schreibt. Was Erwin Fries und Ferdi Muff umgehend ausprobierten.

Der «Schrecken vom Unterdorf»

Auf die weitere Frage, welche Fächer sie denn gerne besuchten, antwortete Walter Seiler sofort mit «Kopfrechnen». Erwin Fries und Ferdi Muff hatten es eher mit der Geografie oder mit dem Aufsatzschreiben. Was uns dann zum Thema Lausbubenstreiche führte: Beim langen Anstehen für die Korrektur ihres Aufsatzes machten sie es sich zum Spiel, Kreidestücke von der Tafel einzusammeln und in der Reihe weiterzugeben. Der Vorderste durfte diese dann unbemerkt in die Jackentasche des Lehrers fallen lassen. Heute sei das etwas schwieriger mit diesen «Tafeln ohne Kreide», meinten sie so nebenbei.

Heidi Muff wiederholte aus der Begrüssungsrede, dass es nun keine Hausaufgaben mehr gebe. «Wir bekamen Strafaufgaben, wenn wir die Husi vergessen hatten oder mussten 100-mal dasselbe Wort schreiben.» Das war ja wohl doch noch angenehmer, als im «Karzer» (dem heutigen Putzraum) eingesperrt zu werden, nur weil man in der Pause etwas im Schulzimmer holen wollte. Ferdi und sein Bruder wurden nach dem Unterricht gar im Schulzimmer eingesperrt. Eigentlich nur zum Nachsitzen. Da der Lehrer aber bereits nach Hause gegangen war und der Schulhauswart die beiden Knaben vor dem Schliessen nicht gesehen hatte, blieben sie bis zur Rettung durch ihre Mutter unter den Bänken versteckt. Auch die anderen üblichen und ziemlich schrecklichen Strafen bekamen wir zu hören, möchten sie hier jedoch nicht detailliert wiedergeben. Walter Seiler meinte dazu mit einem spitzbübischen Lächeln: «Man nannte mich den Schrecken vom Unterdorf.»

Am interaktiven Whiteboard: Ferdi Muff (links) und Erwin Fries. (Bild: Jesco Tscholitsch)

Von links: Walter Seiler, Heidi und Ferdi Muff und Erwin Fries. (Bild: Jesco Tscholitsch)

Absatzgarant in der Pausenzeit

Die Herren erinnern sich heute gern an ihre Lehrer, vor allem, wenn sie interessanten Unterricht gemacht hatten. Dazu zählten die Ausflüge in die 20er-Badi, in den Wald oder auch die zweitägigen Schulreisen. Dafür durften sie übrigens zweimal in der Woche dem Schulhauswart morgens beim Jäten helfen und konnten so die Reise finanzieren. «Ein guter Lehrer hat uns charakterlich gestärkt. Das ist eine super Gabe», meint Walter Seiler zum Abschluss des Themas und fügt noch bei: «Ein guter Lehrer ist nicht zu bezahlen. Ein schlechter Lehrer verdient zu viel.»

Natürlich interessierte uns auch das Thema Spielen, welches dieses Jahr unser Motto ist. «Wir haben oft Fussball oder Zinggi gespielt oder an den Reckstangen geturnt. Die Mädchen sind Elasti oder ‹Himmel und Hölle› gehüpft, manchmal haben sie auch Fadenspiele gemacht.» Dass in der Pause nicht so viel gespielt wurde, hing sicher auch damit zusammen, dass man in dieser Zeit auch ins nahe Lädeli durfte. Das sei immer voll gewesen und habe nur dank der Lernenden überlebt. Wurde denn im Unterricht gespielt? Es folgt ein vehementes Nein. Da haben wir es heute doch etwas besser, auch wenn unsere Lernenden auf einem unserer Pausenplätze bleiben (und spielen) müssen...

«Ein guter Lehrer ist nicht zu bezahlen. Ein schlechter Lehrer verdient zu viel.»


Walter Seiler

Zeit und Raum, Gelassenheit und Klarheit

Zurück ins Jahr 2021: Was wünschen denn die Ehrengäste unseren Lernenden und Lehrenden? Walter Seiler meint, dass sie weiterhin so locker in die Schule gehen können und nicht mehr dem Zwang von einst ausgesetzt sind. Ferdi Muff wünscht ihnen einen guten Zusammenhalt – damit sie vielleicht in 75 Jahren auch gemeinsam an einem Tisch sitzen und von früher erzählen können. Und Erwin Fries erhofft sich für die Kinder mehr Schulweg: Zeit und Raum, um selber auf den Weg zu gehen und die noch kleine Welt mit Freundinnen und Freunden entdecken zu können. Über den Wunsch für die Lehrpersonen sind sie sich einig: Gelassenheit und Klarheit.

Und was wünschen wir unseren Schülerinnen und Schülern? Dass auch sie in vielen Jahren jede Menge wundervolle Erinnerungen aus ihrer Schulzeit im «Emmen Dorf» erzählen können. Es bleibt der aufrichtige Dank an unsere Ehrengäste – für die spannenden Gespräche, die unzähligen Anekdoten, das Interesse am heutigen Unterricht und für die Anerkennung unserer Arbeit. Es war eindrücklich, Geschichten von früher zu hören und gemeinsam über die Schule von heute zu diskutieren. Unser abschliessendes Fazit: Schule wurde schon damals und wird auch heute noch durch die Lehrenden und Lernenden mit ihren gemeinsamen Erlebnissen lebendig, spannend und: unvergesslich.

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