Einwohnerrat

Eine Stimme für die politisch Stummen


Maria-Rosa Saturnino wurde als bisher jüngste Frau zur Einwohnerratspräsidentin gewählt. Die 30-jährige SP-Politikerin tritt die Nachfolge von Markus Schumacher (SVP) an. Im Interview verrät sie, was sie an der Politik stört, was in Emmen fehlt und weshalb sie dem ehemaligen Ministerpräsidenten Italiens gerne auf den Zahn fühlen würde.

Autor: Philipp Bucher

Maria-Rosa Saturnino vor der Kirche Gerliswil, wo sie als Ministrantin viel Zeit verbracht hat. «Ein schöner Ort, der weitherum sichtbar ist», sagt Saturnino zur Foto-Location. (Bild: pbu)

Manchmal passt es einfach. Als Maria-Rosa Saturnino am 6. Juli 2021 die Wahl zur «höchsten Emmerin» annahm, jährte sich ihr Erdendasein auf den Tag genau zum 30. Mal. Mit mehr Stimmen (32) als brennende Kerzen auf der Geburtstagstorte wurde Saturnino als bisher jüngste Frau zur neuen Einwohnerratspräsidentin 2021/22 gewählt. In dieser Funktion sitzt sie dem 40-köpfigen Emmer Parlament vor und achtet auf die Einhaltung der parlamentarischen Ordnung. Spontane und mit Inbrunst vorgetragene Voten seitens der Ratsmitglieder sind ihr dabei höchst willkommen.

Maria-Rosa Saturnino, der Tag Ihrer Wahl zur Einwohnerratspräsidentin fiel just auf Ihren 30. Geburtstag. Welcher der beiden Anlässe lieferte mehr Grund zum Feiern?

Ich sehe hier kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Schliesslich wird man nur einmal im Leben 30 Jahre alt und gleichzeitig nur einmal im Leben zur Emmer Einwohnerratspräsidentin gewählt. Angestossen wurde dann auch auf beides. Gerade die Kombination der beiden Ereignisse wird dafür sorgen, dass mir dieser Tag in Erinnerung bleibt. Kommt hinzu, dass meine Eltern gleichentags ihren Hochzeitstag feierten. Es war also in vielerlei Hinsicht ein ereignisreicher Tag, der ausreichend Gelegenheit bot, gefeiert zu werden.

Was bedeutet Ihnen die Wahl zur bisher jüngsten Einwohnerratspräsidentin?

Auf der einen Seite ehrt mich das Vertrauen, das mir mit diesem Amt entgegengebracht wird. Auf der anderen Seite freue ich mich sehr, das Emmer Parlament als junge Frau vertreten und in der Rolle als «höchste Emmerin» mit der Bevölkerung in Kontakt treten zu dürfen. Es reizt mich, an Veranstaltungen und bei Begegnungen andere Perspektiven und Meinungen kennenzulernen. Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiss, sondern es existieren viele Zwischenbereiche. Meine Rolle als Ratspräsidentin sehe ich auch darin, Offenheit für alle Seiten mitzubringen.

«Vielfach fehlt mir die politische Debatte – der Emmer Einwohnerrat ist davon nicht ausgenommen.»


Maria-Rosa Saturnino, Einwohnerratspräsidentin

Haben Sie sich für Ihr Präsidialjahr etwas Bestimmtes vorgenommen?

Eine eigentliche Checkliste habe ich nicht gemacht. Die Solidarität, die ich in meiner Rede zur Annahme der Wahl betont habe, prägt meine Art des Politisierens schon immer. Umso mehr ist es mir in meinem Präsidialjahr ein Anliegen, die Emmer Bevölkerung mit ihren Anliegen und Interessen zu spüren. Dies richtet sich explizit auch an jene Menschen, die zwar ebenfalls Teil der Emmer Bevölkerung sind, aufgrund ihres Alters oder ihrer Staatszugehörigkeit aber von der politischen Partizipation ausgeschlossen sind.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?

Äusserlich war mein Elternhaus sicherlich die treibende Kraft. Politik ist zu Hause immer Thema gewesen. Meine Mutter war ebenfalls SP-Einwohnerrätin und präsidierte das Emmer Parlament vor zwölf Jahren. Mein Vater war lange Jahre als Kirchgemeindepräsident aktiv. Ausserdem hat sich früh in mir die Überzeugung gefestigt, dass ich mich aktiv um Veränderung bemühen soll, wenn mich etwas stört. Das war und ist der innerliche Antrieb meines politischen Engagements.

Liegt dem ein spezifisches Ereignis zugrunde?

Nein. Ich bezeichne mich als gerechtigkeitsliebender Mensch und mag es grundsätzlich nicht, wenn einzelne Personen oder Personengruppen sozial ungerecht behandelt werden.

Zur Person

Maria-Rosa Saturnino (Jahrgang 1991) ist seit 2018 als Mitglied der SP-Fraktion im Einwohnerrat. Die Doppelbürgerin mit Heimatort Emmen – der Vater ist Italiener, die Mutter Schweizerin – ist studierte Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin und arbeitet bei der CSS Versicherung als Kommunikationsberaterin. Saturnino ist im Quartier Sonnenhof aufgewachsen und lebt in der Sprengi.

Was ist das Mühsamste an der Politik?

Wie es Demokratien so an sich haben, gehen bestimmte politische Prozesse nur sehr langsam voran. Das ist teilweise mühsam, gehört aber zum System. Schade hingegen finde ich, wenn politische Akteure aus Prinzip unverrückbar auf ihren Standpunkten verharren und einen Perspektivenwechsel gar nicht erst zulassen, obschon plausible Gegenargumente vorgetragen werden. Die Politik lebt vom Disput. Vielfach fehlt mir die politische Debatte – der Emmer Einwohnerrat ist davon nicht ausgenommen.

«Es fehlt in der Gemeinde an Aufenthaltsmöglichkeiten, wo die Menschen sich begegnen und austauschen können.»


Maria-Rosa Saturnino, Einwohnerratspräsidentin

Was macht für Sie die Gemeinde Emmen aus?

Emmen ist unglaublich bunt und lebendig. Ich bin ein grosser Fan von Emmen. Die Gemeinde bietet alles, was es für ein lebenswertes Leben braucht. Wir haben das Privileg, in einer vielfältigen Gemeinde mit einer unglaublich spannenden Historie leben zu dürfen. Gleichzeitig sehe ich das Potenzial, diese Vielfalt enger zu einem gemeinsamen Miteinander zu verbinden.

Wie meinen Sie das?

Es fehlt in der Gemeinde an Aufenthaltsmöglichkeiten, wo die Menschen sich begegnen und austauschen können – wo das Miteinander der erwähnten Vielfalt effektiv stattfinden kann. Die vorhandenen Möglichkeiten beschränken sich auf einige wenige Plätze, am Sonnenplatz zum Beispiel oder beim Emmen Center. Auch das NF49 ist ein gutes Beispiel für einen Begegnungsort, gerade für die Jungen, allerdings temporär. Mit dem Emmenpark wird in dieser Hinsicht ein Schritt in die richtige Richtung gemacht. Damit ist es aber längst nicht getan. Emmen braucht mehr Begegnungszentren. Manchmal reicht dafür bereits ein Café.

Mit wem würden Sie gerne im Lift stecken bleiben?

Ich würde mich gerne eingehender mit dem italienischen Politiker Giuseppe Conte unterhalten. Einerseits, weil ich entgegen vielen Italienerinnen und Italienern der Meinung bin, dass er in seiner Zeit als Ministerpräsident Italiens einen guten Job während der Corona-Pandemie gemacht hat. Andererseits würde mich doch sehr interessieren, was ihn dazu bewogen hat, dem Movimento 5 Stelle beizutreten.

Wenn Sie eine Zeitmaschine besitzen würden, wohin würden Sie reisen?

Zurück in die stilistisch in jeder Hinsicht beispiellosen 1990er-Jahre. Ich bin zwar 1991 geboren und also in diesem Jahrzehnt aufgewachsen. Aber ich würde diese Dekade und mit ihr meine Kindheitserinnerungen gerne nochmals bewusster wahrnehmen und erleben.

Welche drei Gegenstände würden Sie mitnehmen, müssten Sie Ihr Zuhause blitzartig verlassen?

Mindestens ein Fotoalbum, wovon ich tatsächlich noch einige habe. Ansonsten liegt mir nicht wirklich viel Materielles am Herzen. Wenn, dann Dinge mit sentimentalem Wert. Ein Schmuckstück meiner Grosseltern vielleicht noch. Und ich würde mein Erste-Hilfe-Set mitnehmen, falls jemand anderes Hilfe benötigt.

Haben Sie ein besonderes Talent?

Mir wird nachgesagt, über ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen zu verfügen.

Wenn Sie einen Tag lang Königin von Emmen wären, was würden Sie tun?

Ich würde den Lärm reduzieren, den in der Luft ebenso wie jenen auf der Strasse.

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