Ankunfterei

Geschichten des Ankommens gesammelt


Die Ankunfterei, ein «mobiler Produktionsort», wo nicht Brot, sondern Ankunft gebacken wird, forderte die Bevölkerung des Meierhöfliquartiers zum Handeln auf. Sie war Teil des Projekts Nachbarschaft Utopia, welches während dreier Monate mit Beteiligung von Quartierbewohnerinnen und -bewohnern durchgeführt wurde. Nachbarschaft Utopia ist eine Einladung, darüber nachzudenken, was es heisst, angekommen zu sein.

Autor: Christian Fischer

Quartierbewohnerinnen und -bewohner kamen im Zuge des Projekts Ankunfterei auf der Weberwiese zusammen und entwickelten Handlungen für das bestmögliche Ankommen. (Bild: Thomas Brunner)

Woran merken Sie, dass Sie angekommen sind? Woran, dass Sie dazugehören? Wer ist «wir»? Der Künstler Christian Fischer und der interkulturelle Vermittler Aron Kibrom sammelten Antworten auf diese Fragen. Mit Unterstützung einer 6. Klasse des Schulhauses Meierhöfli, den beiden Projektassistenten Ardijan Shehu und Kai Lorenz und weiteren Engagierten befragten sie Nachbarn, Verwandte und Passantinnen. Über 20 Geschichten von Menschen mit unterschiedlichsten Perspektiven aus dem Meierhöfliquartier kamen zusammen und deckten Hürden und Chancen des Ankommens auf, aber auch Fragen zu Identitäten und Zugehörigkeiten.

Ab wann gehört jemand dazu?

«Am Anfang wollte ich immer weg», gab eine befragte Mutter, die vor 17 Jahren von Süditalien nach Emmen zog, preis. «Doch seit mein Sohn in der Schule ist, bin ich Emmerin.» Ab wann gehört also jemand dazu? Eine Lehrerin, die mit vier Jahren in die Schweiz gekommen und hier aufgewachsen ist, meinte, dass sie zwar die gleiche Sprache spreche und eingebürgert sei, aber sobald sie ihren Nachnamen sagt, der auf -ic endet, wird sie nicht mehr als Schweizerin gesehen.

Die Teilnehmenden des zweiten Ankunfterei-Events – In einem Jahr wollen sie sich wieder Treffen. (Bild: Laura Müller)

Geschichtensammler Nesar Doski teilt seine Erfahrungen zum Thema Ankommen. (Bild: Christian Fischer)

Ein in Emmen geborener Metallbauarbeiter bekräftigt, sein Name sei nie das Problem gewesen, aber sobald ihn die Leute sehen würden, dauere es erst einmal 15 bis 30 Minuten, bis er in einem Raum akzeptiert werde, denn oft sei er der einzige Schwarze. Wie geht man mit solchen Konflikten um? Eigentlich fühlt man sich innerlich dazugehörig, aber von aussen wird man als anders gelesen und damit als nicht dazugehörig gezählt. Die Geschichtensammlerinnen und -sammler waren sich einig, dass dies die Gesellschaft zu einem «Wir und die anderen» spaltet. Ein neues Wir-Gefühl sollte erprobt werden, in dem sich alle, die schon da sind und die noch kommen werden, zugehörig und somit angekommen fühlen.

Proberaum für das bestmögliche Ankommen

Die Ankunfterei war einer dieser Proberäume. An zwei Standorten im Quartier konnten Variationen des bestmöglichen Ankommens imaginiert und durchgespielt werden. Der erste Ankunfterei-Event fand auf der Weberwiese statt. Gemeinderat Brahim Aakti stellte in seiner Begrüssungsrede fest, dass man in der eigenen Familie einfach so dazugehört, ohne sich beweisen zu müssen. «Wie wäre es, in einem Quartier zu leben, wo dies auch der Fall ist?», fragte er in die Runde von Bewohnerinnen und Bewohnern aller Generationen, mit oder ohne Migrationsgeschichte, geflüchtet oder in zweiter Generation, mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus, seit Langem, seit Kurzem oder immer schon hier.

In kurzer Zeit sammelten die Anwesenden ebenso zahlreiche wie vielfältige Handlungsvorschläge zum bestmöglichen Ankommen: auf Offenheit stossen, gegrüsst werden auf der Strasse, Begegnungsorte schaffen, politische Mitbestimmung, Repräsentation in Lokalmedien. Beim zweiten Event – auf dem Schulhausplatz – ging es darum, die gesammelten Ideen vom ersten Event zu konkretisieren oder gleich umzusetzen.

Dabei wurde eine Methode gewählt, bei der die bestmögliche Zukunft bereits eingetroffen ist. Die Event-Teilnehmenden erzählten einander von Erlebnissen im Gemeinschaftsgarten auf der Weberwiese und von Begegnungen bei einem Feierabendbier im Quartiercafé. Die bestmögliche Zukunft wurde dadurch für einen Moment spür- und greifbar. Diese Erlebnisse stärken das Wir-Gefühl. Und sie unterstützen die Menschen des Meierhöfliquartiers dabei, als Gemeinschaft Mut zu fassen für positive Veränderung. So können in den nächsten Monaten und Jahren hoffentlich einige Ideen umgesetzt werden, die an den Ankunfterei-Events formuliert wurden. Sodass die bestmögliche Zukunft zur gegenwärtigen, lebendigen Nachbarschaft wird.

Eine Gruppe von Geschichtensammlerinnen und -sammler traf sich wöchentlich hoch über dem Meierhöfliquartier, um über ein neues Wir-Gefühl im Quartier nachzudenken. (Bild: Christian Fischer)

Nachbarschaft Utopia – Ankunfterei

Das Projekt ist die Masterarbeit von Christian Fischer an der HSLU Design & Kunst. Es entstand in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz Soziale Arbeit und dem Verein nyat-forum.ch. Die Geschichten des Ankommens, Resultate der Events und weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter:

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