Kunstplattform Akku

Von Gesichtern und Ihren Geschichten


Es ist ihre dreizehnte Ausstellung in der Kunstplattform akku und gleichzeitig auch ihre letzte. Nach 50 Jahren treten die beiden Emmer Kunstvermittler und Kulturpreisträger Karl und Isolde Bühlmann einen Schritt kürzer und überlassen das Ruder einer neuen Generation.

Autorin: Jeannine Cirinesi

Isolde und Karl Bühlmann in der Ausstellungsplattform Akku (Bilder: jci)

Die Nase wird gerümpft, die Lippen zusammengepresst, die Augen werden weit. Emotionen werden sichtbar. Der Blick ins Gesicht, eine wichtige Informationsquelle. Mit der behördlich verordneten Maskenpflicht geht ein Stück Identität verloren. Isolde Bühlmann, Stiftungsrätin der Stiftung akku, inspirierte die Situation zu einer Kunstausstellung, welche sich dem Gesicht und seiner Faszination widmet. Entstanden ist eine Galerie mit hundert Werken von über vierzig Künstlern

Etwas Neues probieren

Schon vor dem Eingang begrüssen zwei Augen mit klugem, von Erfahrung gezeichnetem Blick die Besucherinnen und Besucher der Kunstausstellung. Die mit Falten und Furchen übersäte Augenpartie strahlt Weisheit, Intelligenz und Melancholie aus und zieht einen sofort in den Bann.

Beim Eintritt in den ersten Raum dominieren die beiden Werke von Franz Gertsch. Ob es wohl die Anmut der beiden Frauenportraits oder die Kenntnisse über die unglaublich zeitaufwändige und meisterhafte Arbeit des Holschnitt-Druckens ist, die mich fesselt? Detailliert wie eine Fotografie und doch weicher, prachtvoller und sinnlicher in der Erscheinung.

Selstportraits in der Petersburger Hängung.

Bilderfolge «Elide» im Kabinett.

Gegenüber zieren auf zwei Reihen angeordnet Selbstportraits, in der sogenannten Petersburger Hängung, die weiss gemalte Wand. «Ich bin sonst eher eine, die traditionell hängt», erklärt Isolde Bühlmann. «Doch jetzt wollte ich mal etwas Neues ausprobieren», führt sie weiter aus.

Hinter der Wand aus Selbstportraits befindet sich ein Kabinett. Die Bilderfolge «Elide» des Malers Franco Francese zeigt seine Partnerin in den Tagen des Sterbeprozesses. Die Portraits wirken bedrückend. Begleitet werden die Wiedergaben mit klagenden Texten des zurückgebliebenen Künstlers.

Neugierig?

Bis am 24. Oktober 2021 kann die Ausstellung «Faszination Gesicht» im akku besucht werden. Auf akku-emmen.ch sind Öffnungszeiten und Führungen aufgeführt.

Blick durch die Ausstellung in Richtung Messingskulptur von Hans Josephson.

Beruhigend, aber auch verstörend

Durch die Ausstellung schreitend, fällt das Kunstwerk von Hans Josephson auf. Was zuerst als Gesteinsbrocken wahrgenommen wird, entpuppt sich als Messingskulptur. Erst der Moment des Verweilens offenbart dem Betrachter die anatomischen Andeutungen eines Gesichtes. Mit den Augen suchend findet, wer innehält. Richtiggehend entschleunigend wirkt sich diese Kunst aus. Oder anders ausgedrückt: hier kann man seinen Akku aufladen.

Irritierend kann indes die Bilderfolge von Thomas Muff wirken. Übermalte Portraits, von denen einzig die Silhouette einer konkreten Person zugeordnet werden kann. Das fehlende Gesicht verdeutlicht die Wichtigkeit dessen Rolle als Ausdrucksträger.

Ein Besuch lohnt sich allemal und sei es auch nur, um sich eine Weile inmitten unverhüllter, fremder Gesichter aufzuhalten. Noch empfehlenswerter ist es, der Ausstellung in Begleitung von Karl Bühlmann beizuwohnen und so in den Genuss von Erzählungen über die Künstler und Werke zu kommen.

Mit der Ausstellung «Faszination Gesicht» manifestiert Isolde Bühlmann ihrer Leidenschaft als Kuratorin und Ihre Liebe zur Kunst. Karl Bühlmann versteht es, seine Rhetorik gekonnt einzusetzen und mit einer fesselnden Art über die Künstler und Ihre Werke zu erzählen.

Ausgezeichnetes Emmer Kunstgewissen

Seit 35 Jahren setzt sich Isolde Bühlmann für Kunst in der Gemeinde Emmen ein. Ab 1987 als Leiterin der Galerie Gersag, wo sie 120 Ausstellungen organisierte und seit 2010 als Mitglied des Stiftungsrates akku Emmen. Zudem betreut sie die gemeindeeigene Kunstsammlung von über 600 Werken, kuratiert die Anliker Sammlung und leitet den Kunstfonds der Gemeinnützigen Gesellschaft der Stadt Luzern.

Karl Bühlmann studierte Kunstgeschichte sowie Geschichte in Zürich. 1972 begann sein Engagement für die Gemeinde Emmen in der Kunstkommission und als Ausstellungsmacher in der Galerie Gersag. Aktuell ist er Geschäftsführer der Stiftung akku, Präsident der Hans-Erni-Stiftung, im Stiftungsrat der Anliker-Stiftung und der Sammlung Rosengart.

Eine Ära geht zu Ende

Nach nun 50 Jahren geht die Ära Bühlmann zu Ende. «Es ist Zeit für eine neue Generation», ist sich das Paar einig. Die Zeiten und damit auch die Kunst hätte sich verändert. Der Bezug zu den jüngeren Künstlern ist schwieriger. «Es ist wichtig, zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören», betont Karl Bühlmann. So entstehen neue Chancen. Neue Kräfte ziehen neues Publikum, neue Ideen und neue Möglichkeiten an. «Und wir haben endlich mehr Zeit für uns», fügen beide lachend hinzu.

«Die Müdigkeit macht sich spürbar, nach so vielen intensiven Jahren», meinen die beiden. Davon ist in der 61. Ausstellung «Faszination des Gesichts. Enthüllung und Verhüllung» jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil. Die Liebe zum Detail, zur Kunst und der Geschichte ist vom ersten Augenblick an spürbar.

Gewusst?

Werke aus der Kunstsammlung der Gemeinde Emmen sind auch auswärts gefragt! Im Vorsommer waren zwei Bilder von Hans Emmenegger (1866-1940), der auf der Herdschwand gelebt und gearbeitet hatte, im Musée d’Orsay, Paris in der Ausstellung «Modernités suisse» dabei.

Die Fondation de l’Hermitage in Lausanne bis 31. Oktober 2021 widmet dem gleichen Maler eine umfassende Retrospektive – die erste überhaupt in der Französischen Schweiz. Acht Bilder aus der Emmer Sammlung sind in der Ausstellung vertreten. Das Museum schreibt dazu: «Ein Künstler von bestechender Originalität, sowohl in seiner ungewöhnlichen Themenwahl als auch hinsichtlich der gewagten Bildkompositionen, ist Emmenegger heute einer der bedeutendsten Schweizer Maler seiner Generation.»

Hans Emmenegger (1866-1940) Das Haus Herdschwand, 1909 Öl auf Leinwand/Malkarton 24x37cm | Sammlung Gemeinde Emmen

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