Gebietsentwicklung Luzern Nord

Jetzt geht es in die Höhe


Es wird konkret am Seetalplatz. Nun, da das Hochwasserschutzprojekt und die Infrastrukturarbeiten abgeschlossen sind, geht es im Entwicklungsgebiet Luzern Nord an die Hochbauten. Ein Blick auf die Visualisierungen zeigt: Vom einstigen Verkehrsknotenpunkt wird nicht viel übrigbleiben.

Autor: Philipp Bucher

Der kürzlich erfolgte Baubeginn des Projekts «4Viertel» bildete den Startschuss zur städtebaulichen Entwicklung am Seetalplatz. (Visualisierung: PD)

Jetzt dröhnt und hämmert und knattert es wieder. Die Baumaschinen sind zurück, Baustaub knirscht zwischen den Zähnen, während die Augustsonne widerstandslos auf den Asphalt knallt. Mit weissen Blachen behangene Bauzäune machen unmissverständlich klar, dass hier mit grobem Geschütz geschuftet wird. Die Mission: Visualisierungsmanifestation. Meint: Realisierung des ersten grossen Hochbauprojekts auf dem neu gestalteten Seetalplatz.

Dass die vertikale Bauphase am Seetalplatz ausgerechnet am bzw. um das bestehende Gebäude mit dem Kino Maxx ihren Anfang nimmt, hat durchaus Symbolcharakter. Schliesslich stand der Bau mit der dominanten Glasfassade bereits hier, als zu dessen Füssen ein sonderbares Doppelkreiselregime den Seetalplatz wortwörtlich zu einem Verkehrsknoten verflocht – oder drastischer: einem Unort sondergleichen, der zwar den «Platz» im Namen trägt, den hier aber kaum jemand überhaupt zu nehmen gedachte.

Im 4⁄4-Takt zum neuen Quartier

Quasi als letzte verbliebene bauliche Reminiszenz an das einstige Verkehrsgeschwür im städtebaulichen Niemandsland wird das Maxx-Mc-Lidl-Gebäude nun zwar nicht dem Erdboden gleichgemacht, aber dem Sichtfeld entzogen. Integrativ versteckt hinter dem Initialprojekt namens «4Viertel», das mit der voraussichtlichen Fertigstellung 2023 den ersten gewichtigen Akzent im städtebaulichen Entwicklungsprozess rund um den Seetalplatz markiert. Der Startschuss der Bauarbeiten ist soeben gefallen und klingt nach im eingangs vernommenen Dröhnen und Hämmern und Knattern.

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Eine historische Stätte ins Morgen ausgerichtet: Die Viscosistadt in Emmen. Im Vordergrund die Hochschule Luzern Design & Kunst. (Bild: zvg)

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Die Gebietsentwicklung Luzern Nord umfasst fünf Areale: Viscosistadt, Reussbühl, Seetalplatz, Reusszopf und Ibach. (Bild: zvg)

«4Viertel» besteht aus drei Neu- und Anbauten, die sich an das bestehende Kino-/Einkaufsgebäude anschmiegen und dieses in der Vertikale stellenweise um die doppelte Höhe deutlich überragen. 192 Wohnungen, Büros, Läden, Gastronomie, Freizeitangebote: Als vierteiliges Gebäudeensemble ist mit dem Projekt «4Viertel» ein Quartier geplant, in dem gelebt, gearbeitet, sich begegnet und konsumiert wird. Die Architektur der Neubauten nimmt das industrielle Viscosi-Flair auf und setzt laut Alleinbauherrin Credit Suisse gleichzeitig auf «neue, urbane Qualitäten mit Plätzen und Gassen zwischen den Baukörpern».

Identitätswandel: This is how you do it

Apropos Viscosi: Die einstige Geburtshelferin Emmenbrückes erweist sich zusehends als talentierte Spielerin im Deindustrialisierungspoker. Spätestens mit der kompletten Ansiedlung der HSLU Design & Kunst im Herbst 2019 gilt die Viscosistadt als das kreative Zentrum der Gebietsentwicklung Luzern Nord. Mit dem Tramhüsli, der Eventlocation, der Kunstplattform akku, dem «Nylon 7» und dem Emmenpark nimmt überdies die Bedeutung des Areals als Treffpunkt der hiesigen Bevölkerung kontinuierlich zu.

Das Gelände mit den geschichtsträchtigen Industriebauten und weitläufigen Gassen bietet Platz für Industrie, Gewerbe, Kunst, Kultur, Bildung, Wohnen und Freizeit. Aktuell wird hier ebenfalls mit schwerem Gerät – namentlich dem grössten Abbruchbagger Europas – hantiert, um die historischen Industriegebäude der ehemaligen Nylon-6-Fabrik auf den Stand der frühen 1960er-Jahre rück- und umzubauen. Zweck: Schaffung neuer Flächen zur Vermietung. Dass hier Nachfrage besteht, zeigen etwa die Projekte Spinnerei und Filmstadt (vgl. Emmenmail Juli/August 2020).

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Die Viscosistadt saniert die historischen Industriegebäude der ehemaligen Nylon-6-Fabrik. (Bild: pbu)

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Christoph Zurflüh, Gebietsmanager Luzern Nord, auf dem Areal des Zwischennutzungsprojekts NF49 am Seetalplatz. (Bild: pbu)

Artisten und Beamte

Zurück am Seetalplatz. Baufeld A1, bekannt als Zwischennutzungsspielfeld NF49. Zwei Zirkusartisten üben gerade ihre Sprünge, von irgendwoher sind Blasinstrumente zu vernehmen. Wir treffen hier auf Christoph Zurflüh. Als Gebietsmanager ist er quasi das Gesicht von Luzern Nord, er netzwerkelt, koordiniert und treibt das gemeindeübergreifende Projekt voran. Der Seetalplatz ist für ihn das Herzstück des Entwicklungsgebietes, das gerade für die Gemeinde Emmen enormes Potenzial berge. «Ein wenig attraktiver Verkehrsknoten wird zu einem attraktiven Zentrum», meint Zurflüh sec.

Seit Kurzem verfügt auch das Baufeld A1 über eine Visualisierung, die in Form des neuen kantonalen Verwaltungszentrums plangemäss ab Ende 2025 massgeblich zu diesem urbanen Attraktivitätsschub beitragen soll. Die Überbauung kostet 135 Millionen Franken, geht neun Stockwerke in die Höhe, bietet rund 1300 Arbeitsplätze, einen Polizeiposten, eine Kita, ein Restaurant, Wohnungen und Läden, kaum Parkplätze, dafür jede Menge Sharing-Angebote. Diese geballte Ladung Städtebau muss zunächst aber noch einige Hürden nehmen. Im Frühjahr 2021 befindet der Kantonsrat über das Projekt, die Volksabstimmung ist auf den darauffolgenden Herbst angesetzt. 2022 folgt schliesslich das Baubewilligungsverfahren, bevor 2023 mit der Bauausführung begonnen werden soll.

«Ein wenig attraktiver Verkehrsknoten wird zu einem attraktiven Zentrum.»


Christoph Zurflüh, Gebietsmanager Luzern Nord

Eine Bank will hoch hinaus

Wer vom A1 aus einen Blick über den Bushub (täglich über 10 000 Ein- und Ausstiege) wirft, landet bereits bei der nächsten Visualisierung (Baufeld A2). Der Startschuss für die dort geplante Überbauung ist auf Sommer 2022 angesetzt. Öffentliche Nutzung im EG, darüber Büros. An der Ecke Seetalstrasse-Gerliswilstrasse (ehemals Café Istanbul) soll ein zehngeschossiges Hochhaus entstehen, in welches die LUKB ihre Geschäftsstelle zu verlegen plant.

Weniger weit fortgeschritten ist die Planung auf dem restlichen Seetalplatz-Areal, den Baufeldern B1 bis B3 entlang der Kleinen Emme. Aktuell dient diese Brache als temporäres Parking, weil das öffentliche Parkhaus infolge der «4Viertel»-Bauarbeiten vorübergehend nicht oder nur eingeschränkt genutzt werden kann. «Ab 2021 sollen diese Baufelder im Baurecht an Investoren abgegeben werden», sagt Zurflüh. Die zukünftige Nutzung sieht Wohnungen und Geschäfte vor.

Erholung gleich ums Eck

Der Gebietsmanager treibt uns auf dem Sharing-Velo über die Kleine Emme ins verkehrsberuhigte Reussbühl und erzählt vom genossenschaftlichen Wohnbauprojekt «Reusszopf», welches den Anstoss zur Entwicklung des neuen Stadtquartiers Reussbühl Ost geben soll. Der Kern des Projekts ist ein fünfstöckiger Längsbau, bestehend aus fünf Hausteilen entlang der Reusszopfstrasse. «Ziel ist es, dass 2023 die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen», erklärt Zurflüh.

Einen Katzensprung davon entfernt befindet sich das Naherholungsgebiet beim Zusammenfluss von Reuss und Kleiner Emme. Die Buvette Nordpol hat sich weitherum einen Namen gemacht und zieht insbesondere an Schönwettertagen scharenweise Menschen ans Flussufer – auch aufgrund des Reussschwimmens, das im Coronasommer 2020 einen fulminanten Beliebtheitsschub erlebte. Zurflüh spricht von einem hervorragenden Beispiel einer Freiraumaufwertung und sieht hierin ein gutes Omen für die weitere Entwicklung des Gebietes, an dessen südöstlichem Ende in Ibach soeben das neue Recyclingcenter die Pforten öffnete.

Das Gestern im Morgen

«Am Zusammenfluss von Reuss und Kleiner Emme entsteht gerade ein urbanes Zentrum mit total 1500 neuen Wohnungen und 4000 zusätzlichen Arbeitsplätzen», fasst Gebietsmanager Zurflüh die Visualisierungsparade zusammen. «Es ist ein Ort, der mit seiner Industrievergangenheit eine Geschichte hat und zugleich viel Raum für Neues bietet.» Dies gelte vor allem für das erklärte Zielbild, Luzern Nord als Smart City zu entwickeln. Dass rund um den Seetalplatz vieles erst im Entstehen ist, deutet Zurflüh hierbei als Vorteil: «Es ist deutlich schwieriger, Smart City an einem fertigen Ort zum Laufen zu bringen. Hier können die Themen hingegen in den städtebaulichen Entstehungsprozess implementiert werden. Diese Chance muss man einfach nutzen.»

Baufeld A4, A5 - «4Viertel»


«Am neu gestalteten Seetalplatz entsteht mit 4VIERTEL ein neues, urbanes Quartier, das sowohl durch seine Architektur als auch durch seine vielseitigen Nutzungen einen prägnanten Akzent setzen wird.» Mehr Infos hier.

Baufeld A1 - Zentrales Verwaltungsgebäude


«Der Kanton Luzern plant auf dem kantonseigenen Grundstück am Seetalplatz in Emmen eine neue zentrale Verwaltung. Die zurzeit auf über 30 Standorte in der Innenstadt von Luzern verteilte kantonale Verwaltung soll in einem neuen, zukunftsorientierten Dienstleistungszentrum zusammengeführt werden.» Mehr Infos hier.

Bushub, Baufelder A2 & B1-B3


«Die Luzerner Kantonalbank (LUKB) hat zusammen mit Losinger Marrazi in einem Projektwettbewerb für das Baufeld A2 am Seetalplatz das Siegerprojekt gekürt. Gleichzeitig schreibt der Kanton Luzern die Baufelder B1, B2 und B3 für ein 70- bis 100-jähriges Baurecht aus.» Mehr Infos hier.

Reussbühl bis Ibach


«Am 24. August 2020 eröffnete REAL das neue Recyclingcenter in Ibach. Das genossenschaftliche Wohnbauprojekt Reusszopf gibt den Anstoss zur Entwicklung des neuen Stadtquartiers Reussbühl Ost. Derweil hat sich der gleichnamige Grünraum beim Zusammenfluss von Kleiner Emme und Reuss bereits als Naherholungsgebiet von Luzern Nord etabliert.» Mehr Infos hier.

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