Stadtbildkommission

«Emmen ist städtebaulich gut angerichtet»

“Architektur ist nicht objektiv messbar”

16 Jahre lang hat Andi Scheitlin als Mitglied der Emmer Stadtbildkommission massgeblich am Erscheinungsbild der Gemeinde mitgemeisselt. Nun macht er Platz für junge Kräfte, denen er eine reizvolle Bauzukunft in Aussicht stellt – dabei allerdings zugleich den Mahnfinger hebt.

Eine Sanierung wäre schon angebracht, meint Andi Scheitlin nüchtern, ehe er mit zusammengekniffenen Augen an der kupfernen Vorhangfassade des Emmer Verwaltungsgebäudes emporblickt. «Grundsätzlich aber hat der Bau nach all den Jahren nichts von seinem Stellenwert eingebüsst. Die Situation, die zusammen mit den Nachbarbauten und dem Vorplatz geschaffen wurde, ist architektonisch gelungen», findet Scheitlin.


Er muss es wissen. Der 67-jährige Luzerner ist nicht bloss ein bekannter Schweizer Architekt, sondern als solcher auch jahrelanges Mitglied der Emmer Stadtbildkommission (SBK). Nach 16 Jahren ist nun allerdings Schluss: Scheitlin verlässt das Gremium, «nicht weil es mir keinen Spass mehr machen würde», betont er, «sondern weil es Zeit für jüngere Kräfte ist».

Andi Scheitlin, Kritiker bezeichnen Stadtbildkommissionen zuweilen als Verhinderer und werfen ihnen Schikane vor. Wie stehen Sie dazu?

Verhinderer sind wir sicher nicht, sondern stets darum bemüht, mit allen Involvierten im Rahmen der gesetzlichen Grundlagen auf eine gute Lösung hinzuwirken. Klar, Architektur ist nicht objektiv messbar. Dadurch entstehen Reibungsflächen, was unsere Tätigkeit zu einer fragilen Angelegenheit macht.

«Emmen zeichnet sich baulich durch eine ausgeprägte Heterogenität aus.»
“Wir sind keine Verhinderer.”

Was ist die Aufgabe der SBK?

Als beratendes Organ des Gemeinderates übernehmen wir eine vermittelnde Funktion zwischen Politik, Architekten und Bauherren. Unsere Aufgabe besteht darin, städtebaulich relevante Bauprojekte kritisch zu begutachten. Wir beurteilen Baugesuche in Bezug auf Städtebau und Gestaltung, tragen zur Qualitätssicherung bei und fördern die Baukultur.

Was heisst städtebauliche Qualität?

Es sind verschiedene Punkte, die da einflies­­sen: die Stellung der Bauten, ihr Bezug zur Umgebung, deren Volumen und Aussenräume. Hinzu kommen architektonische Komponenten, also Proportionen, Materialien, Ausdruck und dergleichen.

Welche Bedeutung hat die SBK für die Gemeinde Emmen?

Ihre Bedeutung kann nicht unterschätzt werden, besonders in Zeiten ausgeprägter Bautätigkeit, in denen sich das Gesicht der Gemeinde grundlegend wandelt. Emmen zeichnet sich baulich durch eine ausgeprägte Heterogenität aus. Die SBK sorgt dafür, dass der Qualitätsanspruch hierbei nicht verloren geht.

Zur Person

Andi Scheitlin ist 1952 in Luzern geboren und hat in Zürich Architektur studiert. 1985 gründete er zusammen mit Marc Syfrig das Architekturbüro Scheitlin und Syfrig, welches u.a. das Museum «Forum der Schweizer Geschichte» in Schwyz sowie die «Bossard-Arena» in Zug gestaltete.


2003 wurde Scheitlin mit dem Kulturpreis der Innerschweiz ausgezeichnet und trat im selben Jahr dem Fachgremium Ortsbildschutz bei, das 2005 in Stadtbildkommission umbenannt wurde. Als Juror bei Architekturwettbewerben ist Andi Scheitlin in der ganzen Schweiz tätig. Er lebt mit seiner Frau in Luzern.

Wo hat Emmen qualitativ hochwertige Bauten?

Es gibt durchaus einige Projekte, die hervorstechen, etwa der «stadt.garten» vom Büro Matti Ragaz, das «Sprengitor», der HSLU-Neubau in der Viscosistadt oder das «Centro Papa Giovanni» an der Seetalstrasse. Diese Bauten sind nicht nur städtebaulich wertvoll, sondern zeugen auch von einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen SBK, Politik, Denkmalpflege und Bauherrschaft.

Und wie steht es um die städtebauliche Zukunft Emmens?

Emmen hat definitiv grosses Potenzial. Die Gemeinde ist städtebaulich gut angerichtet, vor allem mit Blick auf den Seetalplatz. Dort ist das Feld geebnet, damit ein komplett neuer Stadtteil entstehen kann. Gleichzeitig sollte man sich aber nicht in zu optimistischen Vorstellungen verlieren. Skeptisch bin ich in Bezug auf die Nachfrage nach Geschäftsflächen, die aktuell nicht sonderlich stark ausgeprägt ist. Mit Wohnen alleine belebt man keine Stadt, sodass durchaus die Gefahr besteht, dass der Seetalplatz zu einer Schlafstadt verkommen könnte.


Autor: Philipp Bucher

“Das Feld für ein komplett neuer Stadtteil ist geebnet.”