Alles, was den Menschen ausmacht

Während 25 Jahren hat Paola Ganyi unzählige Kinder, Jugendliche und Familien durch schwierige Zeiten begleitet. Die Probleme, denen die Sozialarbeiterin dabei begegnet ist, haben sich über die Jahre grundlegend verändert – gerade auch in Emmen.

So wirklich attraktiv klingt das ja nicht. Wer sich mit den berufsalltäglichen Angelegenheiten von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern auseinandersetzt, tritt unweigerlich auf die Schattenseite menschlicher Existenzen. Gewalt, Not, Konflikte: Das tägliche Brot der sozialen Gilde ist mit schwerverdaulichen Zutaten gebacken. Die Delikatessen des Lebens stehen auf einem anderen Blatt.

Nichtsdestotrotz gibt es Menschen, die sich mit viel Engagement all jener annehmen, die unter der aus Ratlosigkeit und Ängsten schwer bepackten Last unterzugehen drohen. Paola Ganyi ist eine von ihnen. Ein Vierteljahrhundert lang begleitete und beriet sie als Sozialarbeiterin bei der regionalen Jugend- und Familienberatungsstelle Emmen, Rain und Rothenburg unzählige Kinder, Jugendliche und Familien durch schwierige Zeiten.

Die grossen Fragen als Motivator

«Soziale Themen haben mich immer interessiert», sagt Ganyi, während sie sich an das heimische Balkontischchen setzt und ihren Blick auf die glitzernde Oberfläche des Vierwaldstättersees richtet. Einer kitschigen Postkartenidylle gleich ragen im Hintergrund die Urner Alpen in den wolkenbefreiten Nachmittagshimmel. In der Ferne wirft jemand den Rasenmäher an, und als hätte sie auf diesen surrenden Souffleur gewartet, fügt Ganyi an: «Fragen nach der Welt, dem Leben und dem Menschen haben mich früh fasziniert.»


So sei sie in die soziale Arbeit «gerutscht», wie sie sagt, als logische Konsequenz quasi. Denn ohne die Lust an psychologischen, philosophischen und soziologischen Fragen, ohne die Neugierde darauf, was der Mensch ist, sei man in diesem Berufsfeld falsch aufgehoben, zeigt sie sich überzeugt. «Andernfalls macht man den Job keine zwei Jahre.»


Dass es bei ihr schliesslich 25 Jahre wurden, habe auch am Standort gelegen. «Emmen ist insofern speziell, als die Gemeinde viele Nationalitäten, soziale Schichten und Kulturen in sich vereint. Gerade das hat meinen Beruf so ungemein spannend gemacht.» Die Vielfalt habe als Motivator gewirkt, konstatiert Ganyi. «Manchmal kam es mir so vor, als begegnete mir die ganze Welt in Emmenbrücke.»

«Manchmal kam es mir so vor, als begegnete mir die ganze Welt in Emmenbrücke.»

Verschobene Problemfelder

Die drängendsten Probleme indes hätten sich gerade in Emmen stark gewandelt. Zu Beginn der 1990er-Jahre entluden sich die Konflikte entlang der Fronten zwischen rebellierenden Jugendlichen und den Erwachsenen, erzählt Ganyi. Drogen, Gewalt und Jugenddelikte, die darauf abzielten, die Erwachsenenwelt zu demontieren.


Im Laufe der Jahre hat sich gesellschaftlich viel verändert. Allgemeingültige Strukturen wurden durchbrochen und mit den familiären Konstellationen haben sich auch die Probleme vervielfältigt. Ging es früher vorderhand um konfliktbeladene Auseinandersetzungen zwischen den Generationen, sind in sich zusammenbrechende Familiengefüge heute an der Tagesordnung.

Mit den Neuen Medien verfügt die heutige Jugend über ganz andere Kanäle, um sich von den Eltern abzugrenzen. Ganyi stellt fest: «Die Komplexität der Familienprobleme hat zugenommen, gleichzeitig sind die Jugendlichen etwas aus dem Fokus gerückt. Dafür haben die Erwachsenen viel mehr mit Lebensbewältigungsproblemen zu kämpfen, als dies vor 25 Jahren noch der Fall gewesen ist.»

«Der Anspruch, den anderen
retten zu müssen, führt zu Überforderung.»

Immer bei sich bleiben

Um im Strudel aus Beziehungskonflikten und existenziellen Nöten nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren, sind Strategien zur Distanzwahrung zentral. Ganyi fand diese einerseits in der Pflege ihrer Hobbys. Andererseits ist die Hilfe zur Selbsthilfe ihr oberstes Kredo. «Nicht zu viel Verantwortung übernehmen, kein Machtgefälle entstehen lassen – diese Haltung garantiert, dass du dich voll auf den anderen einlassen kannst, aber trotzdem bei dir bist», sagt sie. Der Anspruch, den anderen retten zu müssen, führe zu Überforderung.

Die Arbeit in Emmen habe ihr Freude bereitet. Die Zusammenarbeit im Team und mit den involvierten Institutionen sei stets konstruktiv, kollegial und unterstützend gewesen. Fehlende Ressourcen wurden ihr aber zunehmend zur Last. «Gegen Ende hatte ich das Gefühl gestutzter Flügel», sagt Ganyi. «Vieles, was wir aufgebaut haben, ist dem Spardruck zum Opfer gefallen. Die Rahmenbedingungen liessen kaum Platz für Innovation und Projekte.»


Weit über 10'000 Gespräche hat Paola Ganyi als Sozialarbeiterin in Emmen geführt. Nun verlässt sie die Gemeinde. Allein, ihrem Interesse an den ganz grossen Fragen wird der Stellenwechsel keinen Abbruch tun. Beruflich wie privat wird sie ihre Passion weiterverfolgen: den Menschen – und alles, was ihn ausmacht.


Autor: Philipp Bucher