Kopf des Monats

Stefan Zurkirchen


Präsident Verein SWEET (Swiss Education and Employment Transfer)

Autorin: Sina Staubli

«Die Lebensweise in Kara, dem Standort unserer Schulen, ist sehr positiv. Wir hatten überall das Gefühl, sehr gut aufgenommen zu sein. Nirgends erlebten wir ein Gefühl der Unsicherheit, auch wenn die Region touristisch überhaupt nicht erschlossen ist.» Stefan Zurkirchen, Präsident Verein Sweet. (Bild: sst)

Seit 2017 ist Stefan Zurkirchen Präsident des Vereins SWEET. Der parteilose und nicht profitorientierte Verein ermöglicht jungen Menschen in Togo eine solide Berufsausbildung, denn diese ist in Afrika Mangelware. Jungen Togolesen, die nicht an einem Gymnasium studieren können, stehen kaum andere berufliche Wege offen. Grund genug für den Pensionierten, sich für die Berufsbildung und gleichzeitig seine langjährige Faszination einzusetzen.

Schon lange Zeit war Stefan Zurkirchen fasziniert von der Berufsbildung in der Schweiz. Doch bevor es ihn in diesen Bereich verschlug, vergingen noch einige Jahre, während derer Stefan Zurkirchen als Primar- und später Sekundarlehrer arbeitete. Danach unterrichtete er als Berufsschullehrer Allgemeinbildung und leitete den Standort Bahnhof des Berufsbildungszentrums Bau und Gewerbe in Luzern. Die Berufsbildung findet Stefan Zurkirchen sehr spannend, da man besonders aktuell unterrichten kann – tatsächlich könne man nahezu den ganzen Unterricht mithilfe der tagesaktuellen Zeitung gestalten.

Kurz vor seiner Pensionierung überlegte sich Stefan Zurkirchen, wie er seine weitere Lebenszeit gestalten möchte. Ein Engagement in der Berufsbildung sollte es sein. So hat er sich als Präsident des Vereins Sweet das Ziel gesetzt, die Berufsbildung auch in einem der kleinsten Staaten in Afrika zu fördern. Zu sehen, wie dort 2021 die ersten Lernenden ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, erfüllt seine Tätigkeit mit Dankbarkeit und Stolz.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich für die Berufsbildung fern ab von der Schweiz einzusetzen?

Ich habe lange Zeit in der Berufsbildung gearbeitet und fand diesen Ausbildungsweg schon immer interessant. Die Initiative zur Vereinsgründung kommt allerdings vom Togolesen Essodinam Alitiloh. Nach den obligatorischen sechs Schuljahren in Togo hat er die Chance gehabt, an ein kirchliches Gymnasium zu gehen. Diese Chance steht in Togo wenigen jungen Menschen offen. Essodinam Alitiloh hat das Studium erfolgreich abgeschlossen. Anschliessend ist er nach Fribourg in die Schweiz gesandt worden. Dort hat er sich aus dem Priesteramt herausgelöst und Mathematik weiterstudiert.

Schulgebäude in Kara (Bild: zvg)

Vertreter der Gemeinden in Togo (Bild: zvg)

von links nach rechts: Direktor Kouloun, Monika Schmidli (Vorstandsmitglied), Irene Schwander (Vereinsmitglied), Stefan Zurkirchen (Präsident), Essodinam Alitiloh (Vorstandsmitglied). (Bild: zvg)

Wie ist der Verein Sweet entstanden?

Später hat Essodinam Alitiloh unter anderem am BBZB Bahnhof unterrichtet, wo wir uns kennengelernt haben. Als Essodinam Alitiloh die Berufsbildung in der Schweiz kennengelernt hat, hatte er das Gefühl, das ist etwas, das in Togo fehlt. So hat er mit Arbeitskollegen der Kantonsschule Alpenquai im Jahr 2012 den Verein Sweet gegründet.

Wie sind Sie Präsident des Vereins geworden?

Der damalige Präsident hatte Unterstützung aus der Berufsbildung gesucht. Er suchte explizit nach Lehrpersonen, welche die Berufsbildung in- und auswendig kennen. Ich habe mich gemeldet, bin in den Vorstand eingetreten und habe 2017 das Präsidium übernommen.

«Unser Ziel ist es, dass die Lernenden nach ihrer Ausbildung eine gute Grundlage haben. So sollen sie entweder zu einem guten Lohn angestellt werden oder ein eigenes Geschäft eröffnen können.»


Stefan Zurkirchen

Wieso fördert der Verein Sweet die Berufsausbildung und nicht das Studium an einer Hochschule oder Universität?

Entweder hat man in Togo das Glück und auch zu einem gewissen Grad die Fähigkeit, an einem Gymnasium zu studieren, oder man fällt zwischen Stuhl und Bank. Das togolesische Schulsystem ist sehr stark am französischen orientiert, auch da Togo bis 1960 unter französischer Verwaltung stand. Es gibt in Togo sehr wenige Angebote für eine Lehre. Hier setzt der Verein Sweet an.

Welche Ziele haben Sie sich im Zusammenhang mit dem Verein Sweet gesetzt?

Unser Ziel ist es, dass die Lernenden nach ihrer Ausbildung eine gute Grundlage haben. So sollen sie entweder zu einem guten Lohn angestellt werden oder ein eigenes Geschäft eröffnen können.

Wie sind Sie beim Aufbau der Schulen vorgegangen?

In einem ersten Schritt brauchten wir ein Grundstück. Wir hatten die Gelegenheit, in der Nähe von Kara ein Grundstück zu kaufen. Der Ort befindet sich im Landesinnern und ist ca. 400 Kilometer von der Meeresküste entfernt. Dort ist auch Essodinam Alitiloh aufgewachsen.

Die zweite Frage war dann, wie wir die Wasserversorgung sicherstellen können. Wir haben nach Grundwasser gebohrt und sind in 60 Metern Tiefe auf Wasser gestossen. Natürlich stellt sich auch immer die Frage nach der Stromversorgung. Diese ist ein paar Kilometer weg. Vielleicht gibt es später eine Leitung zu unserer Schule, aber im Moment müssen wir alles autonom aufbauen.

Damals hatten wir eine gute finanzielle Lage und konnten anschliessend drei Schulgebäude bauen. Diese wurden von Maurerlernenden einer anderen Schule aufgebaut. Im Herbst 2018 begann der Unterricht, im März 2019 wurde die Schule offiziell eröffnet. Mit dabei waren auch Vertreter des Staates Togo sowie eine Schweizer Delegation. Auch ich durfte die Feierlichkeiten miterleben.

Mitmachen und Berufsbildung schenken

Der Verein Sweet ermöglicht jungen Menschen aus Togo eine fundierte berufliche Ausbildung und somit eine wichtige Zukunftsperspektive.

Seien Sie herzlich willkommen: Durch eine Spende oder als Vereinsmitglied mit 80 Franken Jahresbeitrag. Weitere Informationen finden Sie unter:

Wie haben Sie die finanziellen Mittel für den Aufbau der Schulen zusammengebracht?

Wir haben zwei bis drei Stiftungen gehabt, die uns grössere Beträge im Bereich von 20’000 bis 25'000 Franken zukommen liessen. So hatten wir gute Voraussetzungen für den Start.

Wie stellt der Verein den Kontakt zu Togo sicher?

Wir können auf sehr gute Verbindungen durch Essodinam Alitiloh zählen. Er ist mit dem heutigen Staatspräsidenten in der Schule gewesen und kennt viele Politiker. Wir sind sehr froh, dass nicht wir aus der Schweiz uns um die Schule kümmern müssen. Essodinam Alitiloh ist mehrmals pro Jahr vor Ort in Togo. Er redet mit den Beteiligten sowie Behörden und kann immer wieder darauf einwirken, wie es weitergehen soll.

Welche Berufe können erlernt werden?

Momentan bilden wir die Berufe Maurer, Elektriker und Landwirt aus. Wir haben einen einheimischen Direktor eingesetzt, welcher die Schule leitet. Er hat alle Lehrpersonen angestellt – einen kleineren Teil im Hauptamt und einen anderen Teil im Stundenauftrag.

Wie findet der schulische und betriebliche Unterricht statt?

Die Aufteilung ist ungefähr 50/50. Ich vergleiche es gerne mit Lehrwerkstätten. Es gibt allgemeinbildenden Unterricht – zum Beispiel Französisch und Mathematik. Daneben werden auch theoretische berufsspezifische Fächer unterrichtet. Natürlich arbeiten die Lernenden auch praktisch. Die Aufteilung hängt stark von der Witterung ab. Wir haben eine Trocken- und eine Regenzeit. Entsprechend muss man diese äusseren Umstände beachten. Es gibt immer eine Abwechslung, aber der Schwerpunkt verschiebt sich. Im Bereich Landwirtschaft bauen wir beispielsweise Mais, Soja und Gemüse an. Diese Produktionen werden verkauft und der Ertrag soll wieder in die Schule zurückfliessen. Die Elektriker haben eine interne Ausbildung und müssen die Stromversorgung des Zentrums sicherstellen. Die Maurer haben eine eigene Halle, in der sie Mustermauern aufbauen können. Sie haben daneben immer wieder Aufträge – für die Legehühner zum Beispiel brauchten wir ein neues Gebäude und dieses haben sie erstellt.

Praktischer Unterricht in der Ausbildung zum Elektriker (Bild: zvg)

Innenhof eines Schulgebäudes in Kara (Bild: zvg)

Lernende Person im Austausch mit dem Verein Sweet (Bild: zvg)

«Grundsätzlich hat die Berufsausbildung den grossen Vorteil, dass die Lernenden eine breitere Ausbildung haben und ihren Beruf von Grund auf lernen.»


Stefan Zurkirchen

Welche Möglichkeiten haben die Lernenden nach erfolgreich abgeschlossener Berufslehre?

14 von 17 Lernenden, die 2018 ihre Ausbildung angefangen haben, haben dieses Jahr erfolgreich ihre Lehre abgeschlossen. Unser Ziel ist es, ihnen ein Startkapital in der Form eines Mikrokredits mitzugeben. Dies scheitert momentan leider an den Finanzen. Auch ist es unser Ziel, dass die Absolventen nach dem erfolgreichen Lehrabschluss in der Lage sind, eine Anstellung zu finden. Im Bereich Landwirtschaft wissen wir, dass bereits mehrere Absolventen vor Abschluss der Ausbildung einen Job gefunden haben. Für die restlichen Berufe können wir dies erst im Nachhinein in Erfahrung bringen.

Was fasziniert Sie an einer Berufsausbildung?

Grundsätzlich hat die Berufsausbildung den grossen Vorteil, dass die Lernenden eine breitere Ausbildung haben und ihren Beruf von Grund auf lernen. Sie haben auch einen theoretischen Hintergrund sowie Allgemeinbildung und lernen Fremdsprachen.

Wie beschreiben Sie Ihre Tätigkeiten für den Verein?

Ich habe als Pensionierter gut Zeit und übernehme als Präsident somit den grössten Teil der administrativen Aufgaben in der Schweiz. Alle Absprachen und Tätigkeiten in Togo laufen über Essodinam Alitiloh. Ich kümmere mich um alles in der Schweiz. Insbesondere muss ich auch schauen, dass das Geld reinkommt. Im Moment ist es schwierig, an neue Stiftungen zu kommen.

Wie suchen Sie neue Spenden?

Wir haben in diesem Zusammenhang sehr viel probiert. Oftmals verschicken wir Karten. Dies ist aber nur bei Menschen möglich, die wir schon kennen. Zwischendurch schreibe ich auch neue Stiftungen an. Kürzlich haben wir Werbung über YouTube versucht. Jetzt läuft gerade eine Crowdfunding-Aktion für die Lehrerlöhne, bei der wir auf neue Geldgebende hoffen.

«Besonders gefällt mir, dass ich die ganze Entwicklung des Projekts selber verfolgen konnte und vor Ort erlebt habe. Ich stellte fest, dass sich die Lehrpersonen sehr stark einsetzen und ausserordentlich engagiert sind.»


Stefan Zurkirchen

Was gefällt Ihnen besonders an dieser Arbeit?

Besonders gefällt mir, dass ich die ganze Entwicklung des Projekts selber verfolgen konnte und vor Ort erlebt habe. Ich stellte fest, dass sich die Lehrpersonen sehr stark einsetzen und ausserordentlich engagiert sind. Wenn ich die Verhältnisse dort sehe, empfinde ich meine Tätigkeit als einen sehr sinnvollen Einsatz und Auftrag.

Was waren für Sie die schönsten Momente, die Sie im Verein Sweet erlebt haben?

Auf jeden Fall die Reise nach Togo. Es war sehr eindrücklich zu sehen, wie die Ausbildung dort funktioniert. Wir haben auch die Familie von Essodinam Alitiloh kennengelernt. Seine betagte Mutter lebt immer noch in Kara. Die Lebensweise in Kara ist sehr positiv. Wir hatten überall das Gefühl, sehr gut aufgenommen zu sein. Nirgends erlebten wir ein Gefühl der Unsicherheit, auch wenn die Region touristisch überhaupt nicht erschlossen ist. Eindrücklich war auch, dass die Schülerinnen und Schüler ausserordentlich motiviert waren.

Welche Momente waren weniger schön?

Manchmal habe ich das Gefühl, unser Engagement ist wie «ein Tropfen auf den heissen Stein». In Togo ist die politische Situation nicht geklärt, der Staatspräsident ist eigentlich widerrechtlich im Amt und es gibt eine Opposition, die unterdrückt wird. Man muss sich im Klaren sein, dass es immer wieder Anstrengungen braucht und die politische Situation instabil ist.

Wie findet der Verein Sweet Anklang?

Sehr gut. Man hat das Gefühl, es ist eine gute Sache. Ich staune immer wieder darüber, wie viel Initiative es in Afrika gibt. Wichtig ist, dass man durchhalten kann und es wirklich nachhaltig ist. Vor allem dies fällt in meiner Umgebung auf sehr guten Boden.

Welches sind die nächsten Projekte von Sweet?

Ein Ziel ist ein eigenes Internat. Die Lernenden haben zum Teil sehr lange Schulwege, welche sie mehrheitlich zu Fuss zurücklegen. Im Internat könnten sie eine ganze Woche bleiben. Wir haben alle Pläne schon bereit. Wir wissen, wie wir es bauen könnten, wie gross es sein müsste und wie der Betrieb funktionieren würde. Uns fehlen aber momentan die Finanzen.

Ein weiteres Ziel ist die Unterstützung der Absolventen, beispielsweise mit Mikrokrediten. Dort sind wir bei den Banken im Moment noch auf Granit gestossen. Dies sind die beiden wichtigsten Projekte zur Weiterentwicklung. Des Weiteren wird es sicher, wenn wir weiterhin so stark wachsen, ein Schulgebäude mehr brauchen. Auch eine Erweiterung bei den Lehrberufen ist denkbar.

Immer wieder eine Frage ist auch, wie sich der Staat engagiert. Wir selber könnten die Erträge steigern, indem die Maurer und Elektriker z.B. externe Aufträge aufnehmen. Die höheren Erträge müssten dann zumindest den normalen schulischen Betrieb, die Löhne der Lehrpersonen sowie Material- und Werkzeugbeschaffungen abdecken. Das Fernziel ist, dass die Schule ohne Unterstützung aus der Schweiz funktionieren kann.

Wie schauen Sie rückblickend auf das, was Sie mit dem Verein erreicht haben?

Ich bin mit dem Verein sehr zufrieden. Wenn ich unsere Schulen anschaue, haben wir das erreicht, was wir uns vorgestellt haben. Wir sind ein Team von engagierten Mitgliedern. Ich bin also sehr zuversichtlich. Was ich kritisch anschaue, ist das politische Umfeld. Wie natürlich auch die Finanzierung.

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