Kopf des Monats

Francesca Blachnik


Ehemalige Geschäftsleiterin der Zwischennutzung NF49

Autor: Philipp Bucher

Als NF49-Geschäftsleiterin brachte Francesca Blachnik jede Menge Leben auf den Seetalplatz. Nach zwei Jahren hat sie das Zepter nun weitergegeben. (Bild: pbu)

Einst Verkehrsinsel, heute belebter Treffpunkt: Nach Startschwierigkeiten hat die Zwischennutzung «NF49 am Seetalplatz» mittlerweile kräftig an Fahrt aufgenommen. Als Treibstoff fungierte dabei insbesondere das Herzblut von Platzkuratorin Francesca Blachnik. Nun hat sie das Projekt vorzeitig verlassen – und trauert vor allem einer Sache nach.

Pilzlabor, Probehaus, Flohmärkte, Varieté, komprimierte Upcycling-Kunst auf engstem Raum, Büros, Ateliers, Konzert-, Gastro- und Eventlokal: Als Geschäftsleiterin der ersten Stunde und mit unbändigem Engagement hat Francesca Blachnik über die vergangenen zwei Jahre so einiges auf die Brache am Seetalplatz geholt und die Charakteristik des Platzes als Arealverwalterin und Projektkuratorin massgeblich mitgeprägt. Aus der einstigen Verkehrsinsel ist inzwischen ein lebendiger Treffpunkt geworden, auf dem man in jüngster Zeit mehr und mehr Emmerinnen und Emmern begegnet.

Die Zwischennutzung «NF49 am Seetalplatz» läuft sicher noch bis Ende 2021 weiter. Blachnik hingegen hat per Ende September 2020 einen Schlussstrich unter zwei intensive Jahre gezogen und die Geschäftsleitung verlassen. Im Interview wirft die 27-Jährige einen Blick zurück auf eine ebenso spannende wie lehrreiche Zeit des Ideenwälzens, Netzwerkspinnens und Sich-in-Geduld-Übens.

Francesca Blachnik, blicken wir zurück auf zwei Jahre Zwischennutzung NF49 am Seetalplatz: Was sticht Ihnen ins Auge?

Vor allem sehr viele Erfahrungen, die ich in dieser Zeit sammeln durfte. Der Platz war am Anfang ja quasi ein leeres Blatt, das sich nach und nach mit Ideen, mit Projekten und mit Menschen füllte. Ich durfte in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen der Zwischennutzung unzähligen Leuten begegnen, was mir unheimlich viel gegeben hat, weil mir der Diskurs und die Begegnung mit Menschen von Natur aus wichtig sind. Hierbei sind Freundschaften entstanden und es wurden enge Verbindungen geknüpft. Das lachende Auge blickt auf diese Begegnungen. Das weinende allerdings auch, weil einige dieser Verbindungen nun durch die Distanz gelockert werden. Das ist schade.

Letzteres liesse sich zumindest zeitlich hinauszögern, da die Zwischennutzung sicher noch bis Ende 2021 dauert. Wieso haben Sie die Geschäftsleitung vorzeitig verlassen?

So sehr ich die Menschen und Erfahrungen auf und um den Platz schätze und diese auf keinen Fall missen möchte, so stark hat mich das Projekt vereinnahmt. Ich funktioniere nach dem Prinzip: entweder ganz oder gar nicht. Ein Projekt wie NF49 erträgt keine halben Sachen, sondern verlangt im Gegenteil viel Engagement, Energie und Herzblut, um funktionieren zu können.

Die Luft war draussen?

So drastisch würde ich es nicht formulieren, zumal mich die Passion für die Arbeit auf und für den Platz bis zum Schluss nicht verlassen hat. Viel eher fehlte mir zunehmend die Luft für anderes. Tatsächlich sind bei mir zuletzt andere Sachen in den Vordergrund gerückt, um die ich mich nicht mehr habe kümmern können, zum Beispiel mein Studium. Beides hätte nebeneinander nicht funktioniert, zumindest nicht mit jener Hingabe, die ich selber von mir verlange. Nachdem ich sehr vieles auf den Platz geholt und hier aufgebaut habe, ist nun der Zeitpunkt ideal, das Zwischennutzungsprojekt an jemand anderes zu übergeben und Platz zu machen für neue Gedanken und Ideen.

NF49 wurde von Anfang an als Experimentierfeld deklariert. Ist das Experiment geglückt?

Das Experiment läuft ja noch, deshalb kann ich kein abschliessendes Urteil fällen. Zum jetzigen Zeitpunkt halte ich aber gerne fest, dass ich in dieser Hinsicht ein absolut positives Fazit zu ziehen wage. In den vergangenen zwei Jahren haben wir viele Sachen ausprobiert, die funktioniert haben – darunter solche, die sogar relativ schnell funktioniert haben. Natürlich wurden daneben auch Dinge ausprobiert, die aus verschiedensten Gründen nicht geklappt haben. Genau das war und ist aber Kern der Sache: Es geht ums Ausprobieren. Mittlerweile hat sich der Platz gut gefüllt. Nichtsdestotrotz ist es uns ein Anliegen, dass auch für die kommenden 1,5 Jahre weiterhin freie Fläche zum Experimentieren zur Verfügung steht. Solange das gegeben ist, sehe ich einem positiven Ausgang des Experiments zuversichtlich entgegen.

Über welches Projekt auf dem Platz haben Sie sich am meisten gefreut?

Grundsätzlich hat jedes der Projekte auf dem Platz seine eigene Legitimation und trägt auf seine Weise zur Persönlichkeit und dem Charakter des Platzes bei. Ganz besonders freut mich, dass sich das Probehaus «WERFT» des Fischermanns Orchestra und das Varieté Caleidoskop insofern hier gefunden haben, als sie künstlerisch eng zusammenspannen und das Zwischennutzungsareal – auch wegen der Physis ihrer Bauten – in dessen Erscheinungsbild prägen. Aber auch Patric Mürner hat mit seinem Pilzlabor «Mycorem» ein ungemein spannendes Projekt auf den Platz gebracht, das mir persönlich eine ganz neue Welt eröffnet hat. Besonders gefällt mir daran, dass damit Verbindungen zu Orten und Menschen jenseits von NF49 geschaffen wurden, etwa in die Viscosistadt zum Verein Emmen am See. Auch dadurch wächst das Netzwerk des Platzes.

Was hätten Sie gerne auf dem Platz gehabt, was aber nicht geklappt hat?

Eine richtige Begrünung. Ich wollte eine grüne Oase auf dem Platz, in der man gemütlich einen Kaffee trinkt oder am Mittag sein Sandwich isst. Das Mehr an Grün hätte einen guten Kontrast zu den Strassen, dem Verkehr, zu den Containern und dem damit verbundenen Baustellenspirit gebildet und den Platz definitiv um ein einladendes Highlight bereichert.

Woran hat es gescheitert?

An der Zeitintensität, die unweigerlich mit solch einem Unterfangen einhergeht. Die Mieterinnen und Mieter auf dem Platz sind stark in ihre eigenen Projekte involviert und haben schlicht nicht die Zeit, sich um die Konzeptionierung, den Aufbau und Erhalt einer grünen Oase zu kümmern. Also hätte sich jemand Externes dafür finden müssen, was uns bisher bedauerlicherweise nicht gelungen ist.

«Ein Projekt wie NF49 erträgt keine halben Sachen.»


Francesca Blachnik

Apropos Baustellenspirit: Der Zaun ums Gelände und die grauen Container wirken nicht sonderlich einladend. Ginge das nicht etwas verlockender?

Der Platz ist gut als das signalisiert, was er ist: ein Zwischennutzungsprojekt. Gerade vom Bushub her kommend ist der Schriftzug «NF49» nicht zu übersehen und der grosszügige Zugang aufs Gelände durchaus einladend gestaltet. Aber tatsächlich hätten wir von Anfang an etwas mehr Farbe auf den Platz bringen können, zum Beispiel mit einem knallig-bunten Container, der als leuchtender Blickfang hätte dienen können. Auch war es natürlich nie unsere Absicht, dass der Zaun um das Gelände von aussen einen exkludierenden Eindruck vermittelt. Aus Sicherheitsgründen ist er indes unumgänglich, sind wir doch von einer stark befahrenen Strasse umgeben. Schliesslich sollen sich etwa Kinder jederzeit gefahrenlos auf dem Platz bewegen dürfen.

Mit NF49 sollte der Seetalplatz zum Treffpunkt werden. Ist dieser Plan aufgegangen?

Ja, mittlerweile darf der Platz guten Gewissens als Treffpunkt bezeichnet werden. Allerdings hat es bis dahin durchaus eine Weile gedauert. Zu Beginn waren unsere diesbezüglichen Erwartungen wohl etwas überzogen. Vielleicht wollten wir einfach in kurzer Zeit zu viel auf einmal aus dem Platz machen: Treffpunkt, Zwischennutzung, Kulturbetrieb. Jetzt merken wir, dass die Arbeit der vergangenen zwei Jahre Früchte trägt. NF49 ist weit herum ein Begriff und die Leute kommen und sie kommen gerne.

Auch aus Emmen?

Ja, wir haben viele Emmerinnen und Emmer auf dem Platz, sowohl Besucher als auch Mieter. Die Anmeldungen für den regelmässig stattfindenden Flohmarkt zum Beispiel stammen mehrheitlich von Emmerinnen und Emmern. Vor allem die Emmer Jugend ist auf dem Platz präsent, was sicherlich zu einem grossen Teil auf das Jugendbüro Ämme zurückzuführen ist, das hier vor einigen Wochen in einem der Container eine zusätzliche Anlaufstelle bezogen hat. Es freut uns sehr, dass es uns gelungen ist, die Emmer Bevölkerung für den Platz zu begeistern und sie in das Projekt zu integrieren, nicht zuletzt, weil dies von Anfang an erklärtes Ziel gewesen ist.

Folgt auf Francesca Blachnik: Greg Zeder. (Bild: Silvio Zeder)

Greg Zeder rückt nach

Francesca Blachniks Platz in der Co-Geschäftsleitung im Projekt «NF49 am Seetalplatz» (www.nf49.ch) übernimmt Greg Zeder. Der 41-jährige Zeder ist in der Kulturbranche als Geschäftsleiter beim Luzerner Independent-Label Little Jig Records sowie als Leiter des Event-Marketings im Konzerthaus Schüür bekannt. Die 50-Prozent-Stelle in der Geschäftsleitung der Zwischennutzung hat Greg Zeder per 1. Oktober 2020 zusammen mit Simon Schurtenberger im Team übernommen.

Die Freifläche am neuen Seetalplatz direkt vor dem Gebäude mit dem Kino Maxx ist ebenfalls Teil der Zwischennutzung, wurde bisher aber nicht bespielt. Wieso?

Es ist nicht so, dass wir dies bewusst unterbunden hätten. Viele haben für ihre Projekte mit dieser Freifläche geliebäugelt. Es ist ja auch ein äusserst attraktiver Platz mitten auf dem Seetalplatz. Präsenter kann man hier eigentlich gar nicht sein. Das Problem ist die dort fehlende Infrastruktur. Die Container hier mögen nicht sonderlich peppig daherkommen. Aber sie sind praktisch und bieten mit einem Dach über dem Kopf, Heizung und Strom im Gegensatz zur absolut freien Freifläche auf dem neuen Seetalplatz einen infrastrukturellen Grundstock. Vielleicht ist vielen aber auch schlicht nicht bewusst, dass die Freifläche mitten auf dem Seetalplatz genutzt werden kann, weil der Fokus der Zwischennutzung viel stärker auf das «Containerdorf» gerichtet ist.

Dann wird die Freifläche mitten auf dem Seetalplatz auch weiterhin frei bleiben?

Ich bin guter Dinge, dass mein Nachfolger schon bald gegenteilige Neuigkeiten überbringen darf. Aktuell sind zwei Projekte in der Pipeline, um den freien Platz künftig doch noch zu bespielen. Konkretes dazu dürfte demnächst folgen.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit?

Mein wichtigster Ratschlag: Einfach machen. Er soll probieren, scheitern, aufstehen und weitermachen. Das Relevanteste ist die Lust am Ausprobieren. Und den Möglichkeiten des Platzes unbedingt angstfrei entgegentreten.

Was hat Sie damals überhaupt gereizt, den Seetalplatz mit dem Zwischennutzungsprojekt zu beleben?

Ich hatte das Konzept gesehen und ich habe den Platz gesehen. Und ich habe noch nie irgendwo so viele Möglichkeiten gesehen. Im Vorfeld des Bewerbungsgespräches bin ich eines Abends mit meinem Partner auf dem Balkon gesessen und wir haben die halbe Nacht lang Ideen gesponnen, uns dabei auch zu völlig utopischen Einfällen hinreissen lassen, die trotz wirklichkeitsfremden Inhalts ihren Platz und eine gewisse Relevanz hatten. Wir konnten komplett ausserhalb von irgendwelchen Strukturen denken. Deshalb fand ich das Projekt ungemein reizvoll und spannend.

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Ich wäre wohl etwas geduldiger und würde nicht versuchen, alles miteinander zu machen.

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