Textiles aus zweiter Hand: einst Notwendigkeit, heute Lebensstil

Bestickt, bemalt und inszeniert – Textil wird nicht nur in der aktuellen Ausstellung der akku Kunstplattform zum Thema. Vor allem die jüngere Generation macht sich gerne alte Kleidungsstücke zu eigen, plündert Second-Hand-Anbieter nach antiken Schätzen für wenig Geld und setzt damit zugleich ein Zeichen für die Nachhaltigkeit.

Am unteren Treppenabsatz, noch bevor man die Stufen erklimmt, die den grossräumigen Saal voller liebevoll insze- nierter Kunstwerke freigeben, begegnen dem aufmerksamen Besucher zwei einleitende Bilder. Eine Frau und ein Mann sitzen jeweils vor einem Webstuhl beziehungsweiseeinem Spinnrad und blicken dem Publikum mit freundlicher Miene entgegen. Die zwei Holzschnitte des Luzerner Künstlers Robert Wyss funktionieren als «Vorwort» zur Ausstellung, wie Lena Friedli es nennt. Die Bilder waren Pensionsgeschenke, worauf bei näherem Betrachten ein Schriftzug hinweist. Die ehemalige Arbeitgeberin, die Viscosi, wird mit Firmenlogo und gut lesbarer Aufschrift verewigt.

Textil als Kunstmaterial
Lena Friedli ist Kuratorin in der akku Kunstplattform. Zur aktuellen Ausstellung «Die Fäden in der Hand» meint sie: «Der Lokalbezug war der Ausgangspunkt, die Inspiration. An sich ist die Ausstellung aber eine freie Interpretation zu Kunst, die mit Textil arbeitet.» Wo das akku heute die grossen, hellen Räume mit Bildern und Installationen von Künstlerinnen und Künstlern zum Leben erweckt, war einst eine Spedition zu Hause. Diese industrielle Vergangenheit wirke noch immer und habe Emmenbrücke auf einzigartige Weise geprägt, meint Friedli.


Die Gründung der Société de la Viscose Suisse im Jahre 1906 markierte den Beginn Emmenbrückes Aufstieg zum nationalen Vorreiter in der Produktion von künstlichen Textilien. Das Unternehmen wuchs rasant und war bald einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Auch wenn die ehemaligen Textilproduktionsstätten in den letzten Jahren mehr und mehr anderen Nutzungen weichen mussten, ist die industrielle Vorgeschichte deutlich spürbar und prägt das Bild von Emmen durch den architektonischen Charakter der Bauten noch immer. Gerade diese Geschichte, die der Viscosistadt innewohnt, habe Friedli dazu inspiriert, eine Ausstellung rund um Textil als Kunstmaterial zu entwickeln.

“Der Lokalbezug war der Ausgangspunkt, die Inspiration. An sich ist die Ausstellung aber eine freie Interpretation zu Kunst, die mit Textil arbeitet.”
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Lena Friedli, Kuratorin bei der akku Kunstplattform


«Ich werde immer aktueller»
Was ist Textil grundsätzlich? Wo kommt esüberall in unserem Leben vor? Jedes der Werke gibt auf seine Weise eine Antwort, so etwa die Ausstellungsobjekte von Corinne Odermatt und Reto Leibundgut. Die beiden verbinde eine Zuneigung zur Wiederverwendung von Materialien. Speziell Reto Leibundgut habe es sich zur künstlerischen Haltung gemacht, nur recycelte Materialien zu verwenden.

Leibundgut selbst sagt: «Als ich angefangen habe als Künstler, war Geld eine Knappheit und ich auf Fundmaterial angewiesen. Damals war sehr viel Sperrgut auf den Strassen zu finden.»


Aber nicht nur das Finanzielle habe Leibundgut dazu bewogen, Gebrauchtes als Ausgangslage für ausgeklügelte Gobelinbilder und dreidimensionale Installationen zu nutzen. Ressourcenschonend zu kreieren sei ihm schon damals ein Anliegen gewesen. Jetzt, 30 Jahre später, rede man etwas dringlicher davon, wie wichtig Recycling ist: «Ich werde dadurch immer aktueller.»


Nachhaltigkeit liegt jedoch nicht nur Künstlerinnen und Künstlern am Herzen. Der boomende Second-Hand-Trend deute auf ein neues Bewusstsein in Bezug auf die schwerwiegende Umweltbelastung durch Fast-Fashion-Konzerne hin, berichtete jüngst das SRF im Gespräch mit Karin Frick, Forscherin am Gottlieb Duttweiler Institut. Emmenbrücke hat gleich mehrere Möglichkeiten für den Einkauf von Second Hand im Angebot: zwei Flohmärkte, samstags auf dem Sonnenplatz und sonntags auf dem NF 49-Areal, und ein grosses HIOB-Brockenhaus, dass sich in der Nähe des Flugplatzes in einem unscheinbaren grauen Gebäude eingenistet hat.

Vom explodierenden Kleidermarkt

Staubige Bücher, alte Platten, charmante Holzschatullen oder nostalgisches Kinderspielzeug – diese Schätze sind an Flohmärkten und in Brockenhäusern in Massen vorhanden. Doch immer mehr sind es Berge von Kleidern, die sich auf Tischen, in Kisten und an Ständern häufen und dort, ästhetisch drapiert oder als heilloses Gewühl präsentiert, auf einen neuen Besitzer warten.


Jahrelang seien in Brockenhäusern Möbel die Verkaufsrenner gewesen, erklärt Reno Schmid, Fachstelle Brockenstuben bei HIOB International. Doch seit vier bis fünf Jahren steigen die Kleiderverkäufe konstant, sodass sie heute in der Einnahmengenerierung mit ihren hölzernen Konkurrenten fast gleichauf sind.» Nicht nur bei HIOB, auch bei anderen Brockenhäusern wie Caritas und Heilsarmee zeige sich dieser Trend, der für die nächsten Jahre vermutlich anhalten werde. «Wir reduzieren deshalb in den meisten Regionen die Möbelbereiche und bauen Textil verstärkt aus», sagt Schmid.


Gemäss Bundesamt für Umwelt landen jährlich 50'000 Tonnen Textilien in Kleidersammelstellen. Reno Schmid beobachtet, dass nicht bloss mehr Kleider abgegeben und verkauft werden, sondern das Angebot über die letzten Jahre zudem qualitativ deutlich besser geworden sei. «Die Kunden schätzen es, dass sie für ein paar Franken ein Marken- hemd oder eine hochwertige Hose kaufen können, die neu ein paar hundert Franken kosten würden.»

«Die Kunden schätzen es, dass sie für ein paar Franken ein Marken- hemd oder eine hochwertige Hose kaufen können, die neu ein paar hundert Franken kosten würden.»
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Reno Schmid, Fachstelle Brockenstuben bei HIOB International

Warum Second Hand?

Obwohl Nachhaltigkeit für viele ein wichtiger Treiber ist, gibt es diverse Gründe, wieso aus zweiter Hand gekauft wird. «Für Personen, die finanziell etwas weniger Spielraum haben, sind Flohmärkte eine gute Möglichkeit, sich schöne Dinge für wenig Geld anzueignen», meint Erika Lingg, Organisatorin des Flohmarkts am Sonnenplatz. Auch Student Michael Koller, der sich an einem kühlen Septembernachmittag im Brockenhaus in Emmen auf die Suche nach einer Laptoptasche macht, betont, dass er als Student die günstigen Preise schätze und der Nachhaltigkeitsaspekt quasi das Tüpfelchen auf dem i sei.


Viele Dinge würden zudem heute nicht mehr produziert und könnten nur noch in Brockenhäusern oder an Flohmärkten gefunden werden, ergänzt Erika Lingg. Auch hat die Aneignung eines gebrauchten Objekts einen gewissen Charme, wie die bestickten Stofftaschentücher der Künstlerin Corinne Odermatt schön illustrieren. Denn gerade aus Textil kann durch Stickereien, Patches und ähnliche Personalisierungen etwas ganz Eigenes gemacht werden.

Kleidung, Möbel und Schnickschnack jeglicher Art nicht neu, sondern aus fürsorglicher Hand der Vorbesitzer zu ergattern, sei gerade bei Jungen oft ein Statement gegen den übermässigen Konsum, erklärt Karin Frick im SRF-Gespräch. Dennoch bleibe der Drang, den neusten Trends zu folgen, natürlich bestehen. Die Viscosistadt verbildlicht diesen Zwiespalt zwischen Konsum und Nachhaltigkeit auf besondere Weise. Zwischen den Flohmärkten am Sonnenplatz und auf dem NF 49-Areal liegt die Viscosistadt, einst boomende Textilindustrie. Und mittendrin die Kunstplattform akku, die mit der aktuellen Ausstellung nicht nur das Textilthema, sondern mit Künstlerinnen und Künstlern wie Corinne Odermatt und Reto Leibundgut auch subtil das Thema Nachhaltigkeit aufgreift.


Autorin: Larissa Brochella

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