Kopf des Monats

Thomas Küng

Highlander

Dudelsackklänge, nasskaltes Wetter und kräftige Männer in Kilts: In diesem klischierten Schotten-Ambiente fühlt sich Thomas Küng wohl. Erst vor kurzem entdeckte der Emmer seine Passion für Highland Games – und durfte bereits einige Rekorde und Titel feiern.

Sie schmeissen vom Stand aus kiloschwere Steine und Hämmer mehrere Meter weit, wirbeln Baumstämme durch die Luft und sind dem keltischen Charme erlegen: Highlander, dem Stereotyp nach barttragende, kräftig gebaute Männer mit farbig-karierten Kilts um die Hüften und starkem schottischen Akzent auf den Lippen. Da kommen sie nämlich ursprünglich her, aus Schottland, von wo aus sie nach und nach fast die ganze Welt eroberten.


Sorgen muss man sich keine machen, denn sie sind in Frieden gekommen. So brachial es an den Wettkämpfen ihrer Zunft, den Highland Games, auch zu und her gehen mag, so friedfertig sind die Kilt-Träger hinter der Fassade aus dicken Oberarmen und dröhnenden Kraftschreien. Bestes Beispiel dafür: Thomas Küng, 29-jähriger Emmer, der vor rund drei Jahren in die Szene hineingesogen wurde und nun nicht mehr raus möchte.


Thomas Küng ist Präsident des Middlelander Clan Houly, einem achtköpfigen Highlander-Verein aus Emmenbrücke, der heuer seinen zehnten Geburtstag feiert. «Wir waren schon mehr Mitglieder, aber auch schon weniger», sagt Küng gelassen, während er die Sportgerätschaften fein säuberlich auf dem Trainingsrasen im Emmenfeld aufreiht: ein Stein, ein metallenes Wurfgerät mit Kette und Handgriff, ein schottischer Hammer, ein paar Schuhe mit Klingen an den Spitzen für eine sichere Bodenhaftung. Am Zaum aufgereiht hängen Baumstämme verschiedener Länge

Thomas Küng, seit 2016 nehmen Sie an Highland Games teil. Was hat es damit auf sich?

Bei den Highland Games handelt es sich um den schottischen Nationalsport und eines der wichtigsten Kulturgüter des Landes. Was für uns das Schwingen ist, sind für die Schotten quasi die Highland Games. In der Regel reicht es, wenn ich den Leuten erzähle, dass dabei unter anderem Baumstämme geworfen werden (lacht). Bei den meisten macht es dann klick, weil dieses Bild im Gegensatz zur offiziellen Sportbezeichnung offenbar weitherum bekannt ist.


Was war die ursprüngliche Idee dahinter?

Der Ursprung der Highland Games geht bis ins 11. Jahrhundert zurück, in die Zeit von König Malcom III. Die Tradition besagt, dass dieser einen Gipfelwettlauf veranstalten liess, um den schnellsten Läufer des Landes zu erkoren und diesen zu seinem persönlichen Kurier zu machen. In der Folge dienten die Highland Games in Schottland während mehrerer Jahrhunderte dazu, in friedlichen Wettkämpfen die stärksten Männer und besten Krieger aus den einzelnen Clans zu ermitteln.

«Ich arbeite nicht auf ein Ziel hin, sondern möchte einfach so weitermachen wie bisher.»

Und heute?

Die Highland Games werden etwa seit 200 Jahren in der heutigen Form gefeiert, das heisst als eine Mischung aus Sport- und Volksfest. Noch immer messen sich dabei Wettkämpfer aus verschiedenen Clans. Am weltweit grössten Highland Game auf der schottischen Insel Bute treten rund 3000 Athleten gegeneinander an. Diesem Spektakel wohnen mittlerweile über 20'000 Besucher bei. Der bekannteste Anlass ist das Braemer Royal Highland Gathering, das jeweils am ersten Samstag im September und stets unter den Augen der Königsfamilie stattfindet. Inzwischen gibt es Highland Games aber nicht nur in Schottland, sondern überall auf der Welt, wobei sich vor allem in den USA eine grosse Szene gebildet hat.


Wie ist es um die Szene in der Schweiz bestellt?

Auch in der Schweiz finden Wettkämpfe statt. Die hiesige Szene ist allerdings überschaubar. Einige Jahre gab es mit der Highland Games Association of Switzerland einen nationalen Verband, der jedoch nicht richtig funktioniert und sich deshalb aufgelöst hat. Anfang Jahr haben sich die Schweizer Athleten zusammengetan und einen neuen Verband auf die Beine gestellt, was mich sehr zuversichtlich stimmt. Der Highland Games Verband Schweiz, kurz HGVS, führt nicht nur Wettkämpfe und die jährliche Schweizermeisterschaft durch, sondern ist auch für die Lizenzierung der Athleten und das Führen eines Rankingsystems zuständig.

Welches sind Ihre bisher grössten persönlichen Erfolge?

Die gerade abgeschlossene Saison 2019 war relativ erfolgreich für mich. Ich wurde Schweizer Meister in der Lightweight-Kategorie, belegte den fünften Platz an den Weltmeisterschaften und wurde Vierter an den Europameisterschaften. Seit ich 2016 angefangen habe, an Wettkämpfen teilzunehmen, war 2019 mein bisher erfolgreichstes Jahr.

Welche Ziele peilen Sie an?

Ich arbeite nicht auf ein bestimmtes Ziel hin, sondern möchte einfach so weitermachen wie bisher (lacht). Der Erfolg ist für mich eher so etwas wie das Sahnehäubchen obendrauf. An Wettkämpfen nehme ich in erster Linie teil, weil mir sowohl die Disziplinen als auch die Atmosphäre ungemein Spass machen. Schön wäre natürlich, wenn es mir im nächsten Jahr gelänge, den Schweizermeister-Titel im Lightweight zu verteidigen. Wenn es drin liegt, würde ich im Juni 2020 gerne an den Weltmeisterschaften in Kanada teilnehmen. Sicher ist jedenfalls, dass ich nächstes Jahr bei den Europameisterschaften im Ursprungsland Schottland mitmachen werde. Wie ich dabei abschneide, lasse ich auf mich zukommen. Zum Saisonauftakt im kommenden Mai werde ich abschätzen können, wo ich stehe.

Was hat Sie überhaupt in die Highland Games Szene getrieben?

Ein ehemaliger Arbeitskollege, der schon länger als Highlander unterwegs war, hat mir davon erzählt. Ich fand es spannend, wie er von den Disziplinen und Wettkämpfen sprach und wollte es selbst einfach mal ausprobieren. Ich habe dann relativ schnell Blut geleckt, auch, weil meine erste Saison als B-Heavy ziemlich gut gelaufen ist (lacht).

Das kleine Einmaleins der Highland Games

Bei Highland Games messen sich die Athleten – Frauen wie Männer – in unterschiedlichen Disziplinen und Kategorien (A-Heavy, B-Heavy, Frauen und Masters). Es gibt Gruppenwettkämpfe, in denen die Clans etwa beim Tauziehen oder Hindernislauf gegeneinander antreten. Bei den Einzelwettkämpfen regelt der internationale Verband, welche fünf Grunddisziplinen ausgetragen werden. Am verbreitetsten sind Steinstossen, Gewichthochwurf, Gewichtweitwurf, Hammerwerfen und Baumstammwerfen. Letzteres gilt als Königsdisziplin, bei der es darum geht, einen bis zu 5,5 Meter langen und rund 60 Kilogramm schweren Baumstamm so zu werfen, dass dieser sich um 180 Grad dreht und möglichst gerade – in der «12-Uhr-Position» – auf dem Boden landet. Die Weite spielt dabei keine Rolle.

Der Middlelander Clan Houly

Der Middlelander Clan Houly wurde 2009 in Emmen gegründet. Er setzt sich aktuell aus sechs Athleten und zwei Athletinnen zusammen und wird von Thomas Küng präsidiert. Der Clan trainiert von Frühling bis Herbst zweimal wöchentlich auf ihrem Trainingsgelände im Emmenfeld. Am 19. Oktober 2019 lädt der Middlelander Clan Houly in die «Old Brewery» nach Malters zum Highlander Saisonabschluss & Houly Jubiläumsparty.

Weitere Informationen zum Middlelander Clan Houly finden sich auf ihrer Facebook-Seite.
Infos zum Highland Games Verband Schweiz gibt's hier.

Was muss man mitbringen, um ein Highlander zu werden?

Grundsätzlich kann jeder ein Highlander werden. Einige haben vorher Fussball gespielt, andere waren Schwinger oder haben an Strongman Contests teilgenommen. Um ein erfolgreicher Athlet zu sein, ist ein grosser Körper sicherlich keine schlechte Grundvoraussetzung. Von Vorteil ist zudem, wenn man einen sportlichen Hintergrund mitbringt. Ich selber war vorher über 15 Jahre lang Geräteturner, was mir in Sachen Körpergefühl und Grundkraft klar zugutekommt. Ob man sich in der Szene zurechtfindet und wohlfühlt, muss jeder für sich entscheiden. Das hat mit der Athletik erst mal nichts zu tun.


Welches ist Ihre Lieblingsdisziplin?

Im Moment ist das klar der Hammer, was sich aber auch wieder ändern kann. Aktuell halte ich beim leichten und schweren Hammer den Schweizer Rekord. Man könnte also sagen, dass ich diese Disziplin nicht nur gerne mache, sondern dass es auch noch recht gut läuft mit dem Hammer (lacht).

«Ich war vorher über 15 Jahre lang Geräteturner, was mir in Sachen Körpergefühl und Grundkraft klar zugutekommt.»

Trägt man(n) an Wettkämpfen eigentlich etwas unter dem Kilt?

An Wettkämpfen ist es Vorschrift, etwas darunter zu tragen. Es kann vorkommen, dass sich der Kilt zum Beispiel bei der Drehbewegung hebt. Oder man verliert das Gleichgewicht und fällt hin. Da sich oftmals auch Familien mit Kindern im Publikum befinden, ist diese Vorsichtsmassnahme durchaus nachvollziehbar.

Und wie war das, als Sie erstmals im Kilt auftaten?

Beim ersten Mal war es schon ein komisches Gefühl. Aber ich habe ich sehr schnell daran gewöhnt und kann heute voll und ganz dazu stehen. Kommt hinzu, dass an Wettkämpfen infolge Kilt-Pflicht ohnehin alle mit einem Kilt herumlaufen. Da würdest du ziemlich blöd aus der Wäsche gucken, wenn du als einziger ohne Kilt über das Gelände stolzierst.

Autor: Philipp Bucher

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