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Ein Blick zurück und ein Schritt in die Zukunft


Seit mehr als 30 Jahren hegt Gabriela Niederberger den Wunsch nach einem eigenen Restaurant. Doch immer wieder kam etwas dazwischen: das Studium, die Familie und dann eine Anstellung bei der Hochschule Luzern. Verschwunden ist der Traum vom eigenen Kulturraum mit Gastronomiebetrieb dennoch nie. Gemeinsam mit dem «Adler» stürzt sich Niederberger nun in das neue Abenteuer.

Autorin: Larissa Brochella

«Überall, wo ich hingehe, ziehen mich diese Quartierbeizen an. Orte mit kleinen Bühnen, die mehr bieten als nur gutes Essen.» – Gabriela Niederberger, Pächterin des Gasthofs Adler. (Bilder: lbr)

Die metallene Ablagefläche der Bar reflektiert die Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster in den sonst eher dunklen Raum dringen. Es ist ein schöner Herbsttag und die beissende Kälte des nahenden Winters lässt sich im Inneren des Gasthauses Adler nur erahnen. Gelbe Sonnenblumen, pinke Orchideen und weisse Lilien zieren die Tische und bringen Leben in das leere Restaurant, während an den Zapfhähnen an der Bar die Logos verschiedener Bierhersteller einsatzbereit leuchten.

Das «Beizenleben»

«Es war ein herrliches Gefühl, als wir die ersten Gäste bedienen durften», erzählt Gabriela Niederberger rückblickend auf die Neueröffnung des «Adlers» am 7. Oktober 2021. Die ersten Tage hielten für Niederberger und ihr Team eine ganze Achterbahn von Gefühlen bereit: grosse Freuden, aber auch viel Frust. «Ein richtiges ‹Beizenleben› eben», meint Niederberger sec. Sie ist nicht die Erste, die sich als Pächterin am «Adler» versucht. Einige ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger mussten jedoch frühzeitig kapitulieren.

Das war nicht immer so, erklärt Max Buholzer, dessen Familiengeschichte untrennbar mit der des Gasthauses verknüpft ist. 1911 vom Bäcker Heini erbaut, fiel der «Adler» bald schon in die Hände von Philomena Wolf-Bühlmann, Buholzers Grossmutter, und anschliessend in jene seiner Eltern, Roman und Lydia Buholzer-Wolf, die das Traditionslokal vom Anfang der 1940er-Jahre bis 1980 erfolgreich führten. «Ich bin als fünftes Kind in diese Familie hinein geboren», erzählt Besitzer Buholzer. «Meine Aufgabe ist es nun, das Haus in die Zukunft zu überführen.»

«Treffpunkt «Adler»: Unabhängig von Alter, Herkunft und politischer Gesinnung sollen Emmerinnen und Emmer sich hier auf Augenhöhe begegnen können.»


Gabriela Niederberger, Pächterin Gasthaus Adler

Kultur mit Biss

Halbmond GmbH heisst die Firma, die Gabriela Niederberger eigens zum Zweck der Neueröffnung des Restaurants gegründet hat. Eine Reminiszenz an das gemeinsame Pläneschmieden mit ihrem Mann, in einer Bar in New Orleans, vor mehr als 20 Jahren. «Ich reise gerne. Und überall, wo ich hingehe, ziehen mich diese Quartierbeizen an. Orte mit kleinen Bühnen, die mehr bieten als nur gutes Essen.»

Den Plan, selbst einmal einen solchen Ort zu erschaffen, habe sie schon seit ihrem 20. Lebensjahr. Immer wieder passte sie das Konzept an: abhängig davon, wo sie sich gerade aufhielt. Doch nicht in Berlin oder New Orleans würde sie den Plan endlich in die Tat umsetzen, sondern in einer Agglomerationsgemeinde der Stadt Luzern, in Emmenbrücke.

Denn Niederberger fand man während des Lockdowns nicht wie so manch andere auf Wandertouren in alpinen Gefilden, sondern beim Spazieren durch Emmenbrücke und Kriens. «Ich finde Orte, die in einer Transformation stecken, wo sich stetig etwas verändert, unglaublich interessant.» Als ihr die Zeitungsannonce vom «Adler» in die Hände fiel, wurde aus einem langjährigen Traum plötzlich Realität.

Gemeinsam nachhaltig

Nebst einer Auswahl an Bier, Spirituosen und Softgetränken findet sich an der Bar des Gasthauses Adler eine grosse Kaffeemaschine. «Guter Kaffee ist uns wichtig», betont Niederberger. Doch nicht nur beim Kaffee lege die Gastgeberin Wert auf Qualität. Die Küche bietet eine kleine Auswahl an regionalen und saisonalen Speisen. Nachhaltigkeit wird dabei grossgeschrieben: «Nachhaltigkeit ist ein Muss. Alles andere wäre für mich nicht vertretbar», so Niederberger. Das Konzept für die Menükarte sei dabei zu einem grossen Teil dem Handwerk des erfahrenen Kochs und Gastronomen Leonardo Aquilino zu verdanken.

Vorläufig können die Speisen von Donnerstag bis Samstag verkostet werden. Grund für das reduzierte Angebot ist der Personalmangel. Eigentlich wollte Gabriela Niederberger bereits einige Monate vor der Eröffnung des Gasthauses ihr komplettes Team zusammengestellt haben. Trotz zahlreicher Jobausschreibungen habe sich die Suche nach geeignetem Personal jedoch als grosse Herausforderung entpuppt.

«Wir sind auf einem guten Weg. Das Team braucht jetzt nur noch etwas Zeit, um sich einzuspielen», zeigt sich die Gastronomin dennoch zuversichtlich. Die Zusammenarbeit mit Sara Stalder, die in der Luzerner Gastroszene kein unbekanntes Gesicht ist, kam durch eine zufällige Begegnung mit einer gemeinsamen Bekannten zustande. Ein wahrer Glücksfall für Niederberger, denn Stalder sei von Anfang an von ihrer Vision begeistert gewesen. «Das hat sofort ‹gematcht› zwischen uns. Wir sind ein gutes Team.»

«Adler im Exil»

«Es ist keine rosige Zeit, um einen Gastrobetrieb zu eröffnen», weiss Niederberger. Neben akutem Personalmangel und einer anhaltenden Pandemie liegt ihr indes noch etwas Weiteres auf dem Magen. Im Rahmen der Arealentwicklung Sonne soll der «Adler» in den kommenden Jahren einer Komplettrenovation unterzogen werden, welcher womöglich der Saal im hinteren Bereich des Gebäudes zum Opfer fallen wird.

«Ich habe kein Interesse daran, etwas Neues zu machen. Was mich vielmehr fasziniert, ist, Bestehendes zu bewahren und mit neuem Leben zu erfüllen.»


Gabriela Niederberger, Pächterin Gasthaus Adler

Auch deshalb entschied Pächterin Niederberger, sich mit einem frischen Anstrich und ansprechender Einrichtung zu begnügen. Die Wände des Saals kommen in einem matten Türkisblau daher. Ein geschmackvolles Durcheinander an Stühlen, vielfältige Bepflanzung und farbige Teppiche verleihen ihm ein einladendes Ambiente. Gabriela Niederberger möchte mit der Neueröffnung des «Adlers» einen Treffpunkt schaffen für alle Emmerinnen und Emmer, unabhängig von Alter, Herkunft und politischer Gesinnung, und ihnen einen Ort bieten, wo sie sich auf Augenhöhe begegnen können.

Und nicht nur das: Der Saal ist mit einer Bühne ausgestattet, die eine Plattform für Kunst und Kultur, Wissenschaft und Politik bieten soll. «Den Auftakt machte der Sänger El Ritschi», erzählt Niederberger. «Das Bedürfnis für einen solchen Raum, wo Quartierbeiz und Kulturlokal aufeinandertreffen, ist durchaus vorhanden», führt sie aus. Denn die Anfragen für Privat­anlässe und öffentliche Auftritte häuften sich. «Darauf freue ich mich am allermeisten – diesen Saal zu bespielen.» Trotz aller Widrigkeiten lässt sich die Gastronomin deshalb nicht beirren: «Ich sehe ein riesiges Potenzial hier.» Ihr Ziel sei es, die Menschen in Emmenbrücke für ihr Projekt zu begeistern, sodass sie sich auch nach der Renovation noch einen solchen Ort wünschen, wie er im «Adler» entstehen soll.

Dasselbe, aber besser

Äusserlich habe sich der «Adler» in den letzten 110 Jahren kaum verändert, erzählt Max Buholzer. Auch mit der neuen Pächterin bleibt der «Adler» seinen ästhetischen Wurzeln treu. «Ich habe kein Interesse daran, etwas Neues zu machen», betont Pächterin Niederberger. «Was mich vielmehr fasziniert, ist, Bestehendes zu bewahren und mit neuem Leben zu erfüllen.»

Ob ihr Konzept genügend Menschen anzulocken vermag, wird sich bald zeigen. Die Rückmeldungen der ersten Gäste stimmen die «Adler»-Pächterin zuversichtlich. «Alle waren begeistert vom Essen», erzählt Gabriela Niederberger mit Blick auf das Eröffnungswochenende erfreut. Und auch Max Buholzer zeigt sich von Niederbergers Vision überzeugt: «Wichtig scheint mir, den Weg zur Emmer Bevölkerung zu finden und dem Haus neue Impulse zu vermitteln. Impulse, welche die Bedürfnisse der Gäste abdecken und gleichzeitig eine Marktlücke füllen.» Gabriela Niederberger ist auf gutem Weg dazu.

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