Friedhofsbesuch

Regisseur des letzten Aktes


Der Tod ist sein täglich Brot. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Albert Feierabend als Totengräber auf Emmens Friedhöfen. Dazu gekommen ist er eher per Zufall. Heute spricht er über die Schönheit einer guten Verwesung – und berichtet von kuriosen Erlebnissen in der Aufbahrungshalle.

Autor: Philipp Bucher

Sieht seinen Arbeitsplatz als Gedenkstätte, Treffpunkt und Parkanlage gleichermassen: Friedhofvorarbeiter Albert Feierabend im Urnenhof des Friedhofs Gerliswil. (Bilder: pbu)

Pia Ulrich* hat frische Blumen mitgebracht. Wie immer, wenn sie allmonatlich ihren Mann auf dem Friedhof Gerliswil besucht und ihm die neuesten Neuigkeiten aus dem Leben der Lebenden übermittelt. «Peter ist ein ausgezeichneter Zuhörer», sagt die rüstige Rentnerin verschmitzt lächelnd, während sie das florale Mitbringsel liebevoll beim Grabmal ihres verstorbenen Ehegatten drapiert. «Das war er vorher schon», fügt sie an, ganz ohne Schalk, flüsternd fast, dankbar.

Vorher, das liegt ziemlich genau sieben Jahre und mehr zurück, wie ein Blick auf die frisch geschmückte Grabstätte zu Füssen der Witwe verrät. Geschwungene Schrift auf dunklem Stein. Ein faustgrosser Engel aus weissem Marmor, daneben ein Kiesel in Herzform. «Ich mag es schlicht und sauber», prononciert Ulrich. Sie blickt sich um. «Es ist ein schöner Friedhof, ruhig, ordentlich und gepflegt», meint die Besucherin. «Ich bin gerne hier. Vor allem im Herbst, wenn die Luft frisch ist und das Laub sich färbt. Peter mochte lieber den Sommer.»

Hochsaison im Trauermonat

Neun Schläge hallen vom Kirchturm und akzentuieren die friedliche Stille, die sich sanft wie die morgendlichen Nebelschwaden über das Friedhofsgelände gelegt hat. Witwe Ulrich holt Wasser für das Gepflanzte. Sie kennt sich aus. Wie die Gärtnerinnen und Gärtner, die sich zu Dutzenden über das Gelände verstreuen, schweigend, aber zielstrebig, gerüstet mit Schaufel und Hacke, um Erdreich aufzulockern und Gewächssinfonien zu orchestrieren.

Der Friedhof Gerliswil ist für einmal von ­aussergewöhnlich lebhaftem Treiben geprägt. In wenigen Tagen ist Allerheiligen, jenes christliche Hochfest, an dem die Katholiken ihrer Heiligen gedenken. Einen Tag danach, am Allerseelentag, wenden sich die Gedanken den armen Seelen im Fegefeuer zu, denen der Herr die ewige Ruhe schenken möge. November, Monat der Besinnung und des Gedenkens. Trauer­monat. Ihm voran geht die Hochsaison der Grabpflege. Wenn zu den Totengedenk­feiern die Angehörigen die Gräber der Verstorbenen besuchen, haben verwitterte Denkmäler und verwahrloste Grabpflanzen keinen Platz.

«Ich habe keine Mühe damit, mich als Totengräber zu bezeichnen, schliesslich besteht ja ein Teil meiner Arbeit eben genau darin, die Toten zu begraben.»


Albert Feierabend, Vorarbeiter Friedhof

Verfechter fürs Jäten

Für Albert Feierabend ist dies die intensivste Zeit im Jahr. Aus der Ruhe bringen lässt er sich dadurch allerdings längst nicht mehr. Der 58-Jährige arbeitet seit über 20 Jahren auf dem Friedhof als das, was man früher als Totengräber bezeichnete und heute Friedhofsmitarbeiter nennt. Wobei: «Ich habe keine Mühe damit, mich als Totengräber zu bezeichnen», sagt Feierabend. «Schliesslich besteht ja ein Teil meiner Arbeit eben genau darin, die Toten zu begraben.»

Formell ausgedrückt ist Albert Feierabend in seiner Funktion als Vorarbeiter Friedhof zuständig für die Gewährleistung eines geordneten und würdevollen Bestattungsbetriebes sowie für den Unterhalt und die Pflege der Friedhofanlagen Gerliswil und Emmen Dorf. Heisst unter anderem: Leichen aufbahren, Gräber ausheben, Hecken schneiden, Rasen mähen, jäten, kehren, lauben, Unterhaltsarbeiten, Administration und Winterdienst. Zwei Friedhofsmitarbeitende unterstützen ihn dabei tatkräftig.

Feierabend mag es, draussen zu sein, Natur zu erleben, hier, in der «Parkanlage zwischen zwei Quartieren», wo der Verkehrslärm fast mirakulös verstummt. Ihm gefällt die Vielseitigkeit seiner Arbeit und dass diese den Angehörigen, Spaziergängern und Besuchern immer auch etwas fürs Auge böte. In dieser Hinsicht könne selbst das Jäten etwas Schönes sein, sagt er ohne Spott. Ausserdem: «Wenn du acht Stunden am Tag jätest, schmerzt dir abends vielleicht der Rücken, aber während des Jätens kannst du dir viele Gedanken über alles Mögliche machen. Allzu viel Hirnschmalz verlangt die Tätigkeit ja nicht.»

Keine Routine

Ganz im Gegensatz zum organisatorischen Geschick, welches der gebürtige Engelberger im Rahmen der anstehenden Totengedenkfeierlichkeiten an den Tag legen muss. Wo Gartenbauunternehmen auf trauernde Angehörige treffen, sind Feierabends koordinative Fähigkeiten gefragt, schliesslich hat kaum jemand Interesse daran, eine Bestattungszeremonie mit dem Laubbläser klanglich zu untermalen.

Sowieso spricht Feierabend mit Blick auf sein Pflichtenheft den Bestattungen klar den höchsten Stellenwert zu. Patzer sind keine erlaubt. Würde und Pietät haben oberste Priorität. «Bestattungen dürfen nicht zur Routine werden, auch wenn du fünf davon an einem Tag machst», betont der Totengräber. Beerdigungen als blosses Abarbeiten einer To-do-Liste? Absolutes No-Go. «Jede Bestattung ist für mich etwas Einmaliges», meint Feierabend. «Anders darf es nicht sein.»

«Ein schönes Knochenspiel»

Die tagtägliche Konfrontation mit dem Tod habe er indes nie als belastend empfunden, beteuert der Endfünfziger. Auf einem Bauernhof inmitten vieler Tiere aufgewachsen, erfuhr Feierabend bereits in jungen Jahren von der Endlichkeit des Lebens. «Der Tod gehört einfach dazu. Er ist eine Tatsache, vor der sich niemand verstecken kann. Trotz seiner Omnipräsenz blicke ich dem Tod gelassen entgegen und mache mir keinen Kopf darüber, wann es mich erwischen wird.»

Für Feierabend wird die Angst vor der Endlichkeit durch eine Ästhetik des Dahinscheidens verdrängt. Wenn er ein Grab öffnet und nur die Knochen übriggeblieben sind, spricht er von einer guten Verwesung. «Das komplette Gerüst liegt vor dir, du erkennst die einzelnen Knochen des menschlichen Skeletts, Oberarm, Unterarm, Wirbelsäule, Schädel. Das ist ein schönes Knochenspiel», sagt er ehrerbietungsvoll.

Natürlich lassen ihn manche Schicksale nicht unberührt, wenn etwa Kinder beerdigt werden oder am Grab um ihre Eltern weinen. Oder wenn er die Verstorbenen persönlich gekannt hat. Der morgendliche Friedhofsbesucher, der abends im Sarg wiederkehrt, auch das hat Albert Feierabend in über 20 Jahren mehrfach erlebt. Solche Geschichten würden ihn darin bestärken, jeden einzelnen Tag für sich zu nehmen und das Leben nicht auf Jahre hinaus planen zu wollen – eine Einstellung, die ihn immer schon auf seinem Lebensweg geleitet habe.

«Ich hatte schon kleinere Vorbehalte und fragte mich, wie das wohl sein würde, mit Gräbern und Leichen zu tun zu haben.»


Albert Feierabend, Vorarbeiter Friedhof

Zurück ans Licht

Dass Albert Feierabend seinen Lebensunterhalt dereinst als Regisseur des letzten Aktes bestreiten würde, ist denn auch dem Zufall geschuldet. Als ältestes von drei Kindern war klar, dass er nach Abschluss der Schule auf dem elterlichen Bauernhof arbeiten wird. Bis zu seinem 28. Altersjahr war der selbsternannte Naturfreund als Bauer tätig, bis gesundheitliche Gründe ihn zwangen, sich beruflich neu zu orientieren. 1990 verschlug es ihn nach Emmen. Er lernte seine heutige Ex-Frau und Mutter der vier gemeinsamen Kinder kennen und fand eine Anstellung als Verkäufer in einem Baumarkt.

Mit der Zeit zog es ihn mehr und mehr aus der künstlichen Ladenbeleuchtung zurück ins natürliche Licht. «Mir fehlte die Arbeit draussen. Zufällig bin ich auf das Stelleninserat als Friedhofmitarbeiter gestossen, habe mich beworben und fand mich kurz darauf an meiner ersten Bestattung wieder», erinnert sich Feierabend und lacht. «Ich hatte schon kleinere Vorbehalte und fragte mich, wie das wohl sein würde, mit Gräbern und Leichen zu tun zu haben.» Das Interesse und der Reiz, seinen Arbeitsalltag vermehrt wieder draussen verbringen zu dürfen, liessen den Bedenken keine Chance.

Im 2019 wurden in der Gemeinde Emmen total 178 Bestattungen durchgeführt, davon 136 auf dem Friedhof Gerliswil und 42 auf dem Friedhof Emmen Dorf.

«Wenn die Arbeit dich zu Hause oder gar in Form wiederkehrender Albträume nicht loslässt, dann hast du den falschen Job gewählt.»


Albert Feierabend, Vorarbeiter Friedhof

Gute Nacht

Zwei Dekaden später und nach durchschnittlich 175 Bestattungen jährlich hat sich daran nicht viel geändert. «Ich mache meinen Beruf einfach gerne», erklärt Feierabend bescheiden und zählt an zwei Fingern auf: Der Kontakt zu den Menschen, das Trösten der Angehörigen, ihre Wertschätzung, das Stützen in Trauer, das Zuhören, würdevolle Bestattungen, aber auch das Spüren der Natur, der klopfende Specht, die flitzenden Eichhörnchen und der Ärger mit Mardern.

Das Wichtigste dabei: «Dass du nachts problemlos schlafen kannst», sagt Feierabend. «Wenn die Arbeit dich zuhause oder gar in Form wiederkehrender Albträume nicht loslässt, dann hast du den falschen Job gewählt.» Klar werde nach Feierabend über die Arbeit diskutiert, aber sie verfolge ihn nicht. Sollte sich dies eines Tages ändern, würde er seine Totengräberschaufel endgültig im Geräteschuppen deponieren.

Kurioses aus der Aufbahrungshalle

Nichtsdestotrotz gibt es Erlebnisse, die auch Jahre später nachhallen und als Anekdoten weitergereicht werden. Die Geschichte mit der jungen Frau, die nach einem tödlichen Unfall auf dem Friedhof Gerliswil aufgebahrt wurde, gehört in diese Kategorie. «Ich pflegte irgendwo ein Grab», erinnert sich Feierabend, «als der Freund der Verstorbenen völlig aufgelöst auf mich zukam. Ich müsse dringend mitkommen, sagte er, seine Freundin sei am Leben. Sie bewege sich.»

Für Albert Feierabend war klar: Das ist nicht möglich. Ohne ärztlich beglaubigten Totenschein landet niemand in der Aufbahrungshalle. Dennoch konnte er den Angehörigen in dessen Zustand nicht einfach stehen lassen. Also folgte er ihm in die Aufbahrungshalle. «Haben Sie gesehen? Sie hat ihre Augen bewegt! Da, schon wieder», war der junge Mann in seiner Trauer überzeugt. Feierabend stand daneben, eine gute Stunde lang, und versuchte ihm auf behutsame Weise klar zu machen, dass seine Freundin nicht mehr zurückkommen werde.

Das Schlimme daran: «Der junge Herr ist mit solch einer Vehemenz davon überzeugt gewesen, dass in der Aufbahrungshalle ein lebender Mensch liegt, dass ich selber plötzlich unsicher wurde und mir meine Wahrnehmung ebenfalls einen Streich spielte», erzählt Feierabend, der auf einmal das Gefühl hatte, tatsächlich eine Bewegung im Gesicht der Toten erkannt zu haben. «Das ist mir ziemlich eingefahren.»

Grusel von oben

Was nach einer Schauerfilmszene klingt, bezeichnet Feierabend retrospektiv als die kurioseste Geschichte, die er bisher auf dem Friedhof erlebt habe. Gruselgefühle allerdings kenne er auf seiner Arbeitsstätte nicht. In finsterer Nacht mutterseelenallein übers Friedhofgelände gehen? Kein Problem für den Totengräber. Ekel vor Körpern, bei denen der Verwesungsprozess auch nach 40 Jahren nicht abgeschlossen ist? Fehlanzeige. Das hat nichts mit Gefühllosigkeit oder Abgestumpftheit zu tun, sondern mit seinem Verständnis vom Tod als vollkommen natürlicher Bestandteil des Lebens.

Bei Erdbestattungen baut sich der verstorbene Körper während der Ruhedauer von mindestens 20 Jahren selbst ab.

Erdbestattungen sind heute im Gegensatz zu früher Mangelware: In rund 70 Prozent werden die Verstorbenen kremiert.

Wobei, einmal habe er sich tatsächlich gegruselt, verrät Albert Feierabend, und zwar erst gerade kürzlich. «Vor den vielen Buchennüssen und Eicheln, die in diesem Jahr von den Bäumen fallen und die Friedhofswege zudecken», sagt er in ernstem Ton. Täglich ein 800 Liter Container voll damit. Es sei verrückt, was die Natur heuer an Früchten trage. «Sowas habe ich noch nie erlebt. Das gruselt mich schon ein bisschen.»

Humor zwischen Grabsteinen

Ob da eine Portion Sarkasmus mitschwingt, lässt sich nicht abschliessend beurteilen. Klar hingegen ist, dass Humor und Spass auch auf dem Friedhof ihre Plätze finden – ja, finden müssen: «Schliesslich sind wir acht Stunden am Tag von Trauer umgeben», konstatiert Feierabend. Quasi als gesundes Korrektiv breche der Humor automatisch immer wieder durch. Tendenziell dann, wenn das dreiköpfige Friedhofsteam sich zur Znünipause trifft. Hie und da aber auch auf offenem Feld.

So macht Albert Feierabend etwa keinen Hehl daraus, wie er selbst dereinst beerdigt werden möchte: «In meiner ganz persönlichen Nische liege ich im Liegestuhl, mit einer dicken Zigarre im Mund und einem guten Drink in der Hand. So überblicke ich das Friedhofsgelände und schreite ein, wenn meine Nachfolger nicht sauber arbeiten.» Er lächelt. Das Bild zeichnet sich derweil spielend in die Luft – und sorgt für die Gewissheit, dass ein passionierter Totengräber auch nach Fallen des Vorhangs für Ruhe und Ordnung am Einstiegsperron zur letzten Reise sorgen wird.

*Name geändert.

Wer die Grab-Wahl hat, hat die Qual

Wurden die Menschen früher meist im Sarg bestattet, entscheidet sich heute die Mehrheit für eine Kremation. «Erdbestattungen sind rar geworden», sagt Albert Feierabend. «Fast 70 Prozent aller Bestattungen gehen heute in das Gemeinschaftsgrab, wobei dieser Trend bereits vor meiner Zeit eingesetzt hat.»

Für ihn ist der Friedhof in erster Linie eine Totengedenkstätte und damit auch Treffpunkt für die Angehörigen. Wichtig sei, dass diese einen Ort haben, an dem sie Abschied nehmen können. Die Friedhöfe Gerliswil und Emmen-Dorf bieten eine ganze Reihe an Grabvarianten und damit zusammenhängenden Bestattungsformen an: Reihengräber für Urnenbeisetzungen, Erdbestattungs-Familiengräber, Urnen-Wandnischen, Plattengräber, Gemeinschaftsgräber für Aschebeisetzungen, Liegeplatten, stehende Grabmäler und so weiter.

Mehr Infos zur Friedhofverwaltung Emmen unter www.emmen.ch/friedhof.

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