Kopf des Monats

Hans Schmied

Mitgründer und Präsident Verein «GLEICH UND ANDERS Schweiz»

Als ihn 2003 ein tragischer Unfall zum Betroffenen einer schweren psychischen Erkrankung machte, war Hans Schmied 43 Jahre alt und stand mitten im Leben. Er war Ehemann, Vater, Hotelier, Politiker und Militärs-Offizier - ein erfolgreicher und leistungsorientierter Mensch, der durch die eigene Psyche erstmals lahmgelegt wurde.


«Zu einem Arzt meinte ich einmal, dass er mich von Kopf bis Fuss eingipsen soll. Damit man sieht, was ich habe.» So beschreibt Hans Schmied die psychische Erkrankung, die von aussen unsichtbar ist, das Leben für Betroffene und Angehörige jedoch spürbar verändert. Ein tragischer Autounfall liess Hans Schmied mit einem Wirbelsturm an Gefühlen zurück, der bald nicht mehr im Alleingang zu bewältigen war. Die Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung, Tinitus, HWS Distorsionstrauma mit anschliessender schwerer Depression und Suizidgedanken.


Nach zahlreichen Psychiatrieaufenthalten fand er schliesslich mit einer Peer-Ausbildung und der Gründung des Vereins «GLEICH UND ANDERS Schweiz» wieder zurück zu sich und ins Leben: «Mein Genesungsweg ist noch nicht beendet, doch ist mein Leben wieder Lebenswert,» sagt Schmied heute.

Hans Schmied, 2003 erlitten Sie einen Unfall, der Ihr Leben stark veränderte. Was hat sich damals zugetragen?

Ich war auf dem Weg in die Hotelfachschule und befand mich mitten im Eichtunnel auf der Überholspur, als ein Auto vor mir plötzlich abbremste. Ich reagierte ohne zu zögern und drückte augenblicklich aufs Bremspedal. Der Sattelschlepper rechts vor mir geriet jedoch ins Schleudern, stellte sich quer und der Auflieger rammte mich von der Seite. Keine Sekunde später prallte ein zweiter Lastwagenfahrer in mein Auto. Schlimmer noch als die Schmerzen war der Moment, in dem der Lastwagenfahrer ausstieg und sich in aller Seelenruhe erstmal eine Zigarette anzündete. 400 Liter Treibstoff waren vom Sattelschlepper auf die Strasse und teilweise in mein Auto ausgelaufen. Wer weiss, was passiert wäre, hätte der Treibstoff Feuer gefangen. In diesem Moment formte sich vermutlich mein Trauma.


Wie ging es danach weiter?

Ich hatte diverse Verletzungen: Einen eingedrückten Brustkorb, gequetschte Wirbel, ein gebrochenes Handgelenk. Nach ein paar Monaten setzten zusätzlich die psychosomatischen Symptome ein. Ich fühlte mich wie ein Eisberg: Zu von schweren Depressionen, Wut, Trauer, Angst– und Panikattacken unter Wasser gedrückt. Langsam und schleichend veränderte mich meine Krankheit, liess meine Haut dünner werden und zog mir den Boden unter den Füssen weg. Unbewusst begann ich mich zu isolieren und mir meine eigene Wohnung zum Gefängnis zu machen. Gleichzeitig hatte ich während den zahlreichen Klinikaufenthalten und darüber hinaus die bedingungslose Unterstützung meiner Familie. Dafür werde ich immer dankbar sein.

«Langsam und schleichend veränderte mich meine Krankheit, liess meine Haut dünner werden und zog mir den Boden unter den Füssen weg.»

Nach mehreren Klinikaufenthalten liessen Sie sich zum Peer weiterbilden. Was war der Impuls dafür?

Während meinem letzten Klinikaufenthalt in der Luzerner Psychiatrie wurde mir zum ersten Mal eine Peer-Mitarbeiterin an die Seite gestellt. Das war eine prägende Erfahrung für mich, denn ihr musste ich meine häufig widersprüchlichen Gefühle nicht erklären. Ich fühlte mich wortlos verstanden. Sie war es auch, die mir vorschlug, die Ausbildung zum Peer anzugehen. Anfangs hatte ich etwas Zweifel, doch als auch die psychiatrische Oberärztin die Idee unterstütze, rang ich mich zu einer Entscheidung durch. Nach dem zweistufigen Anmeldeverfahren inklusive schriftlicher Bewerbung und Eintrittsgespräch absolvierte ich zwei Praktika in der Psychiatrie in Luzern. Rückblickend hat sich die Entscheidung zur Peer-Ausbildung eindeutig als richtig erwiesen. Sie führte mich zurück zu mir selbst.


Was machen Sie heute?

Heute bin ich mit einem 20-Prozent-Pensum in verschiedenen Psychiatrien als Peer und Experte aus Erfahrung tätig. Auch mit meinem Verein «GLEICH UND ANDERS Schweiz» bin ich viel unterwegs. Dieser eigentlich traurige, traumatisierende Unfall und die darauffolgenden psychischen Beschwerden haben mir viele Türen geöffnet, die ansonsten verschlossen oder gar ausser Reichweite geblieben wären.


«Das Thema Psychische Erkrankung war und ist auch heute noch sehr schambehaftet.»

Sie durften im Film «Gleich und Anders, wenn die Psyche uns fordert», von Jürg Neuenschwander als einer von 10 Protagonist/innen mitwirken. Wie ist es dazu gekommen?

Über einen Flyer habe ich erfahren, dass Neuenschwander Protagonist/innen für einen Film über psychische Erkrankung sucht. Lange habe ich mit mir gerungen, denn der Schritt an die Öffentlichkeit ist gewagt. Er kommt einem Outing als Mensch mit psychischer Erkrankung gleich. Nachdem ich mich angemeldet hatte, ist Neuenschwander auf mich zugekommen. Ihn interessierte die Plötzlichkeit, mit der mein sehr gradliniges, erfolgreiches Leben auf den Kopf gestellt wurde. Schlussendlich war es eine Erleichterung, mich nicht mehr verstecken zu müssen. Vor dem Film hatte ich grosse Angst nach draussen zu gehen, denn es schien mir, als würde man mir sofort ansehen, dass etwas nicht stimmt.


Wie war es sich selbst auf der Leinwand zu sehen?

Das war ein seltsames Gefühl. Bei der Premiere in Bern hielt ich es kaum aus, doch nach einer gewissen Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Das musste ich auch, denn ich habe den Film seither auf Tour mindestens 55 Mal gesehen (lacht).


Wie ist aus dem Film schliesslich der gleichnamige Verein entstanden?

Ich hatte gegenüber den anderen Protagonist/innen immer wieder betont, dass wir aus dem Film mehr machen sollten. Anfangs kam das nicht so gut an, was auch verständlich ist. Das Thema Psychische Erkrankung war und ist auch heute noch sehr schambehaftet. Doch diese Scham ist es gerade, was «GLEICH UND ANDERS Schweiz» antreibt, nämlich die Stigmatisierung und Tabuisierung zu bekämpfen, die psychischen Krankheiten so hartnäckig anhaften. Nachdem wir den Publikumspreis am Berner Filmfestival gewonnen hatten, gründeten wir den Verein am 11. Dezember 2016 mit acht Mitgliedern. Vier Betroffene und vier Angehörige. Heute zählen wir 92 Mitglieder.

Zum Verein


GLEICH UND ANDERS Schweiz

Der Verein zum gleichnamigen Film, «Gleich und Anders, wenn die Psyche uns fordert» von Jürg Neuenschwander, wurde am 11. Dezember 2016 gegründet, nachdem der Film den Publikumspreis am Berner Filmfestival gewonnen hatte. Gründungsmitglieder waren 4 Betroffene, darunter auch Hans Schmied, und 4 Angehörige. Heute zählt der Verein 92 Mitglieder.


Inwiefern ist Ihnen selbst Stigmatisierung begegnet?

Als meine Frau und ich eines Tages in einem Restaurant zum Essen waren, kam ein bekanntes Paar auf uns zu. Sie erkundigten sich nach meinem Wohlbefinden, worauf ich erwähnte, dass es mir im Moment nicht so gut gehe und ich in der Psychiatrie sei. Darauf machte der Mann eine Kehrtwende und lief wortlos davon. Die Frau trat betreten einen Schritt zurück. Solche Szenen konnte ich früher nur schlecht verarbeiten. Heute bin ich mir bewusst, dass die meisten Menschen kein Gespür für den Umgang mit Menschen mit psychischer Erkrankung haben. Dies auch aufgrund des grossen Tabus, das rund um das Thema besteht.


Was macht «GLEICH UND ANDERS Schweiz»?

Wir unterstützen Betroffene von psychischer Krankheit und deren Angehörigen und arbeiten sehr nahe mit IV-Stellen, Arbeitgebern, Kliniken und Ärzte zusammen. Zusätzlich leisten wir viel Aufklärungs-, Sensibilisierungs- und Enttabuisierungsarbeit über Workshops, Vorträge und Podiumsdiskussionen.

Veranstaltung


Einsortiert - Mal Anders

Am 19. November 2019 um 19:30 Uhr im Restaurant Schlemmerei in Emmen veranstaltet der Verein «GLEICH UND ANDERS Schweiz» die Podiumsdiskussion «Einsortiert – Mal Anders» zu den Themen Früherkennung psychischer Erkrankung, Volkskrankheit Depression und wie Menschen mit psychischer Erkrankung damit leben. Der Eintritt ist frei, es gibt Türkollekte.

Ein solch offener Umgang mit psychischer Erkrankung stellt sicherlich für viele eine Erleichterung dar. Kommt es oft vor, dass Personen sich Ihnen anvertrauen?

Ja, das gibt es häufig. Gewisse trauen sich schon während den Diskussionen, Fragen zu stellen. Doch vielen ist es unangenehm, ihre Probleme so öffentlich anzusprechen, was natürlich vollkommen in Ordnung ist. Wir halten deshalb nach den meisten Anlässen einen Aperitif. Dieser soll die Besucher/innen dazu einladen, sich uns in einem Gespräch unter vier Augen anzuvertrauen.


Welches Erlebnis mit «GLEICH UND ANDERS Schweiz» hat bleibenden Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

Nach dem Gesundheits-Podium «Einsortiert – Mal Anders» in Zürich bekam ich mitten in der Nacht einen Anruf. Eine Frau erzählte mir, dass sie während der dreimonatigen Wiedereingliederungsphase ihren Job verloren habe. Die zuständige IV-Stelle habe sie in einen Beruf mit Schichtarbeit und einem Pensum von 100-Prozent wieder ins Berufsleben einsteigen lassen. Darüber hatten wir beim Podiumsgespräch gerade noch gesprochen, dass ein Mensch nach der Arbeitslosigkeit nur schrittweise zurück in den Arbeitsalltag finden kann. Aufgrund dessen bin ich jetzt mit der entsprechenden IV-Stelle in Kontakt. Es ist schon schön, helfen zu können. Die Verbindungen, die wir durch den Verein mit der IV pflegen sind dabei eine grosse Hilfe.


Autorin: Larissa Brochella

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