Littering

«Es ist besser, wenn hier alles sauber ist»


Gesichtsmasken am Wegrand, Glasflaschen auf dem Sportplatz, Zigarettenstummel allenthalben. Littering ist ein ebenso unsägliches wie schwer zu bekämpfendes Übel. Immerhin: Auf Emmer Schulplätzen sorgt das «Team blitzblank» für Abhilfe. Wir haben den ­Saubermännern über die Schultern geblickt.

Autor: Philipp Bucher

Littering, also das achtlose Wegwerfen von Abfall wie Plastik, Aludosen und Zigarettenstummeln, ist auch auf öffentlichen Plätzen in Emmen ein zunehmendes Übel. (Bilder: pbu)

Die Tour beginnt im Erlen. Samstagmorgen 8 Uhr, Ende Februar. Der sichtbare Atem zeugt von der nächtlichen Eiseskälte, die sich hartnäckig am Schulareal festkrallt, derweil die steigende Sonne dem ersten frühlingshaften Wochenende des Jahres den Weg ebnet. Amanuel Gebreyesus freuts. Summend und beschwingten Schrittes überquert er den Schulhausplatz in Richtung Neubautrakt 4.

Dort ist seine Ausrüstung verstaut: Abfallsäcke, Greifzange, Handschuhe, Vierkantschlüssel. Gebreyesus wirft sich die Leuchtweste um und schreitet sogleich zur Tat. «Es ist schön und tut gut, draus­sen zu arbeiten, wenn die Sonne scheint», sagt der 35-jährige Eritreer mit wackligem, aber verständlichem Deutsch, während er die Abfalleimer auf dem Platz mit neuen Säcken bestückt. Die Handgriffe sitzen und die Eimer werden zielstrebig angesteuert. Es ist sein zweiter Einsatz hier im Erlen.

Integratives Sprungbrett

Amanuel Gebreyesus ist 2015 in die Schweiz gekommen und Mitglied des «Teams blitzblank» des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH Zentralschweiz, das seit Anfang Februar 2021 vorerst für ein dreimonatiges Pilotprojekt in Emmen unterwegs ist. Das «Team blitzblank» setzt sich zusammen aus anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen, die jeweils am Samstag- und Sonntagmorgen in Zweierteams unterwegs sind, um die Aussenplätze ausgewählter Emmer Schulanlagen von grobem Abfall zu befreien und die Kehrichteimer zu leeren.

«Die Teilnehmenden leisten eine sinnstiftende Arbeit», erläutert Bruno Odermatt, Bereichsleiter Immobilien bei der Gemeinde Emmen, der das Pilotprojekt mit dem SAH-«Team blitzblank» in Emmen lancierte. «Sie lernen die Anforderungen der hiesigen Arbeitswelt kennen, stärken ihre beruflichen, sozialen und persönlichen Kompetenzen und sind dadurch besser in den regulären Arbeitsmarkt vermittelbar.»

«Überall Abfall ist nicht gut für die Natur und für die Tiere und Menschen.»


Amanuel Gebreyesus, «Team blitzblank»

Barbara Meier, Leiterin Arbeit und Vermittlung beim SAH Zentralschweiz, spricht in diesem Zusammenhang von einem «Sprungbrett», über welches diese Menschen in der Arbeitswelt Fuss fassen und weitere Arbeitserfahrungen sammeln können. Sie betont: «Die Gemeinde Emmen leistet mit diesem Pilotprojekt einen wertvollen Beitrag zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und nimmt ihre soziale Verantwortung wahr.» Für Meier ist denn auch klar: «Das ‹Team blitzblank› ist für alle Beteiligten eine Win-win-Situation.»

Ein gesellschaftliches Problem

Der Hintergrund der «blitzblank»-Einsätze ist allerdings ein ärgerlicher: Littering. Das achtlose Wegwerfen und Liegenlassen von Abfall ist für die öffentliche Hand ein zunehmendes Übel, welches nicht nur die Lebensqualität und das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung beeinträchtigt, sondern ebenso der Umwelt schadet und hohe unnötige Kosten verursacht – schweizweit rund 200 Millionen Franken pro Jahr. Littering provoziert Ärger und Verständnislosigkeit und sorgt immer wieder für politische Vorstösse (vgl. Postulat 08/21). Gleichzeitig muss konstatiert werden, dass Littering zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden ist und kaum wieder gänzlich verschwinden wird.

Littering ist nämlich kein reines Abfallproblem, schliesslich finden sich im öffentlichen Raum genügend Vorrichtungen, um den Abfall korrekt zu entsorgen. Dass der Abfall nicht dort landet, wo er hingehört, ist vor allem Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems. Die Ursachensuche kennt derweil viele Pfade: zunehmende Mobilität, Bequemlichkeit, steigender Take-away-Konsum, Werteverfall, verändertes Freizeitverhalten, fehlende Sozialkontrolle, intensivierte Nutzung des öffentlichen Raums.

Von diesen Tendenzen ist auch die Gemeinde Emmen nicht ausgenommen. Besonders Schulareale mit ihren Pausen- und Spielplätzen, die immer stärker auch ausserhalb der Schulzeit als Treffpunkte und Aufenthaltsorte genutzt werden, sind vermehrt Verschmutzungen und vorsätzlicher Zerstörungswut ausgesetzt. Die Anforderung an genügend Sicherheit und Sauberkeit steigt damit kontinuierlich. Mit dem bestehenden Hauswart- und Werkdienstpersonal ist dieser Mehraufwand kaum mehr zu stemmen. Nebst Securitas-Patrouillen und regelmässigen Einsätzen der Mobilen Jugendarbeit soll deshalb auch das «Team blitzblank» hier für Entlastung sorgen.

Sauber ist besser

Amanuel Gebreyesus indes hat für den liegengelassenen Unrat lediglich ein Kopfschütteln übrig. «Überall Abfall ist nicht gut für die Natur und für die Tiere und Menschen», sagt er, nachdem er mehrere Zigarettenstummel mit der Abfallzange vom Boden gepflückt und entsorgt hat. «Ich verstehe das nicht. Es ist besser, wenn hier alles sauber ist.» Zwischenzeitlich ist die andere Hälfte des «blitzblank»-Duos eingetroffen. Ahmadi Zia hat in der morgendlichen Familienhektik ausgerechnet heute seine Leuchtweste vergessen.

Macht nichts, befindet Kollege Gebreyesus: «Dem Abfall ist das egal», sagt er und geht stoisch und summend seiner Arbeit nach. Ahmadi Zia, 41-jährig, 2015 aus Afghanistan in die Schweiz gekommen, stellt rasch fest: «Heute ist nicht viel los. Letzte Woche wars schlimmer, viel Abfall und ein offenes Feuer wurde gemacht und Sachen verbrannt. Das hat viel Zeit gekostet zum Putzen.» An diesem Samstag gehts schneller. Hier eine leere Tüte Chips, da eine zerdrückte PET-Flasche. Eine ältere Dame mit Hund kommt des Weges, nickt anerkennend und setzt die Gassi-Runde fort. Bereits nach kurzer Zeit ist die Schulanlage Erlen vom Schmutz des Vorabends befreit.

«Die Gemeinde Emmen leistet mit diesem Pilotprojekt einen wertvollen Beitrag zur Integration von Menschen mit Migrationshintergrund.»


Barbara Meier, Leiterin Arbeit und Vermittlung beim SAH Zentralschweiz

Corona leistet Littering Vorschub

So reibungslos es an diesem Februarmorgen im Erlen vorangeht, so schwer ist dem Littering per se beizukommen – obwohl es sich dabei mitnichten um ein neues Phänomen handelt, zu welchem die Forschung immerhin schon knapp vier Jahrzehnte Erkenntnisgewinnung liefert. Neu allerdings ist das aktuelle Ausmass. In der Gemeinde Emmen etwa ist letztes Jahr insgesamt deutlich mehr Abfall angefallen als im Jahr zuvor. 2019 wurden in Emmen total 53,2 Tonnen Abfall ab Werkhof abtransportiert, 2020 waren es mit 98,8 Tonnen fast doppelt so viel.

Dieser markante Anstieg ist sicherlich massgeblich auf die eingeschränkten Reisebewegungen sowie das minimierte Freizeit- und Kulturangebot infolge der Coronapandemie in Kombination mit dem schönen Wetter zurückzuführen. Die Menschen sind letztes Jahr deutlich weniger verreist und haben die Sommerferien stattdessen in der Region verbracht. Besonders an öffentlichen Grillstellen haben sich die pandemischen Begleitumstände bemerkbar gemacht. Die Abfalltouren des Emmer Werkdienstes wurden denn auch während des Sommers 2020 ausgeweitet.

Auf die Arbeit folgt das Vergnügen

Das «blitzblank»-Duo geht derweil die zweite von insgesamt fünf Etappen an diesem verfrüht-frühlingshaften Samstag an und setzt die Arbeit auf dem Schul­areal Riffig fort. Amanuel Gebreyesus und Ahmadi Zia verstehen sich sichtlich gut. Sie unterstützen sich gegenseitig und agieren lösungsorientiert. Beide beteuern, die Arbeit gerne zu tun. Wobei: «Es ist gut, dass heute nicht viel los ist», sagt Zia und blinzelt in den wolkenlosen Himmel. «Ich gehe am Nachmittag mit meiner Familie die Sonne geniessen. Weniger Abfall heisst schneller fertig.» Wieder blinzelt er. Dieses Mal aber einäugig und mit Schmunzeln im Gesicht.

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