Alltagsgestaltung mit Herzblut

Niemand ist eingesperrt


Isoliert, allein gelassen, weggesperrt? Schon zu Beginn der Corona-Pandemie wurden teils düstere Wolken über Alterszentren gezeichnet. Zu Unrecht, wie ein Blick in die Alltagsgestaltung der Betagtenzentren Emmen (BZE) AG zeigt, wo stattdessen Ideenreichtum, Empathie und Würde im Fokus stehen – tagein, tagaus.

Autorin: Roja Nikzad

Marlis Burch mit Angel beim Jassen im Raucherraum im September 2020 (Bild: Stefan Weiss)

Die Pandemie hat spätestens mit der angehenden dritten Welle eine zutiefst zermürbende Form angenommen. Renitenz und Resignation machen sich in der Gesellschaft breit. Alle haben wir uns den Massnahmen unterzuordnen und uns mit einem von Unspontaneität und Unfreiheit geprägten Lebensalltag abzufinden.

Dies gilt für Jung und Alt, alle gemeinsam sitzen wir in diesem Boot. Was daher erstaunt, ist, dass sich die Vorstellung wacker festigt, das Leben in einem Betagtenzentrum komme in besonderem Masse einer Gefangenschaft gleich. Man ist mittlerweile nicht mehr Bewohnerin oder Bewohner, sondern «Insasse». Es scheint, als wendete sich die Semantik mit fortschreitender Unbeständigkeit der Pandemie ins immer weiter Negative.

Jüngst gab es im Migros Magazin zu lesen, Alterszentren seien «Aufbewahrungsanstalten für die Noch-nicht-Toten». Natürlich werden Bewohnende beim Eintritt in eine Pflegeinstitution immer älter und damit weniger gesund und weniger mobil; dies ist aber Teil eines grösseren gesellschaftlichen Wandels der immer jünger bleibenden Alten – hat mit dem eigentlichen Charakter von Alterszentren also ungleich wenig zu tun.

Sind wir denn nicht froh darum, dass gut und liebevoll geführte Betagtenzentren ein neues Zuhause bieten, wenn es alleine nicht mehr geht, Belastung und Isolation zu gross werden? Und dies professionell ausgestattet, über fachkundiges geriatrisches Personal verfügend, mit Infrastruktur, die für ernährungsphysiologisch wertvolle Kost sorgt und professionelle Alltagsgestaltung stellt? Und das ist nur die Faktenseite der Münze. Vielleicht noch entscheidender und weniger sichtbar für die Aussenwelt ist die Mentalität, da, wo das Herz schlägt im Inneren der Betagtenzentren Emmen AG (BZE AG); die Essenz, die von der täglichen Hingabe und Empathie vieler Mitarbeitender für die Bewohnerinnen und Bewohner genährt wird.

«Mir buttered alles dri, wo mr nu cha dributtere.»


Evelyn Lieberherr, Leitung Aktivierung und Alltagsgestaltung BZE AG

Wellnessen, Boxen, Gärtnern: Alter als ereignisreicher Lebensabschnitt

Fünf Menschen engagieren sich im Alp und Emmenfeld Betagtenzentrum ausschliesslich für die Aktivierung und Alltagsgestaltung – dabei unterstützt von zahlreichen weiteren Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Bereichen und einer stattlichen Anzahl Freiwilliger.

Es gibt Wellnessnachmittage mit Hand-Peelings und -Massagen, Boxkämpfe, weil sich ein Bewohner nichts sehnlicher wünscht, als einmal im Leben Boxhandschuhe zu tragen. Es gibt Kulturzeit (jüngste Themen Liselotte Pulver und Andreas Vollenweider), es wird regelmässig bewegt, in der «bunten Stunde» Spiel und Spass erlebbar gemacht, im «Morgenblatt» das Tagesgeschehen gelesen und diskutiert. Am «Gartennachmittag» werden Hochbeete mit Stiefmütterchen bepflanzt und an regnerischen Tagen gemeinsam Bretzeli gebacken oder im «Denkspass» das Gedächtnis trainiert.

Es wird show-gekocht, gekegelt und gestrickt. Und das momentan coronabedingt auf jeder Abteilung einzeln. Noch nicht eingerechnet sind hier die vielen Einzelsequenzen und Besuche bei den Bewohnenden, die sich weniger an Aktivierungsangeboten beteiligen möchten. Und nicht zuletzt gibt es diverse Supplements: Gottesdienste, Ballon-Aktion, Musik und Freiwilligeneinsätze.

Für Evelyn Lieberherr, Leitung Alltagsgestaltung und Aktivierung BZE AG, ist die Arbeit mit den Betagten eine Sache voller Herzblut.

Auf Herrn Studers sehnlichen Wunsch, einmal im Leben Boxhandschuhe tragen zu können, wurde reagiert und weitere Herren zum Boxnachmittag ein­ geladen.

Alltagsgestaltung mit vollem Engagement

Evelyn Lieberherr, Leitung Aktivierung und Alltagsgestaltung bei der BZE AG, verfügt über eine unerschöpfliche Grosszügigkeit, um den Bewohnerinnen und Bewohnern ihre Wünsche zu ermöglichen. «Wir stecken unser ganzes Herzblut und die ganze Energie in unsere Arbeit: Wir versuchen, Abwechslung zu bieten, Sozialkontakte zu ermöglichen, Erfolgserlebnisse zu schaffen, Wünsche zu erfüllen, ganz Neues möglich zu machen, Neugier zu wecken, Geborgenheit und Vertrauen zu vermitteln. Wir stecken alles ab, was nur geht.»

Sie und ihr Team sind nah am Menschen. Sie sehen und erkennen, was Bewohnerinnen und Bewohner umtreibt, sie kennen die Lebensgeschichten, stehen in engem Kontakt. Lachend und nachdenklich zugleich fasst Evelyn Lieberherr ihr Statement zusammen: «Mir buttered alles dri, wo mr nu cha dributtere.»

Niemand fällt durch die Masche, für jeden gibt es etwas. Unvorstellbar? Nein, denn es wird akribisch Buch geführt, wer an welcher Aktivität beteiligt war, und darauf geachtet, dass jede Bewohnerin und jeder Bewohner, die/der möchte, die Aufmerksamkeit erhält, die sie/er sich wünscht. Eher als ein Gefängnis drängt sich das Bild des gut unterhaltenen, ganzjährigen Aufenthalts in einem Ferien-Resort mit Animationsprogramm auf.

Wer will behaupten, dass dies keine guten Bedingungen für einen positiven Lebensabend sind?

So weit so gut, aber sind die Türen verriegelt?

Nein, auch die Türen stehen offen. «Die Bewohnerinnen und Bewohner der BZE AG sind nicht eingesperrt», betont Monika Bütler, Leitung Pflege und Betreuung, 3. OG im Emmenfeld Betagtenzentrum. «Wir lassen ihnen so viel Freiheit, wie nur möglich. Mit den Schnelltests haben wir jetzt auch ein passendes Hilfsmittel.»

Wenn ein Bewohner auswärts zu den Angehörigen geht oder einkaufen fährt, wird danach an Tag 3 und an Tag 7 ein Schnelltest gemacht. Es ist keine Quarantäne nötig, ausser der Test fällt positiv aus. Glücklicherweise sind bereits 70 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner geimpft. Mitte Mai werden es 80 Prozent sein. Fazit daraus ist: «Die geimpften Bewohnenden haben quasi gleich viel oder gleich wenig Freiheit, wie wir alle anderen auch», so Monika Bütler.

Würdevoll und aufgehoben auch während der Pandemie

Bis wohin Leben lebenswert ist, ist eine philosophische Frage, die aber wenig mit dem Effort und dem Alltag in einem Betagtenzentrum zu tun hat. Hier wird ganz pragmatisch und praktisch dafür gesorgt, dass auch gebrechliche Menschen mit multimorbiden Erkrankungen gut gepflegt, würdevoll und angenehm leben dürfen. Und dies ändert sich auch während einer Pandemie nicht. Wie überall arrangiert man sich auch bei der BZE AG und macht jeden Tag aufs Neue das Beste aus einer wenig erfreulichen Situation.

Die Mitarbeitenden stehen täglich auf und gehen zur Arbeit. Sie sind exponiert und geben ihr Bestes, damit es den Betagten einen Tag länger gut geht. Bei der BZE AG ist man sich sicher, dass das Leben aufgehoben in einer Gemeinschaft – und unter dem unermüdlichen Einsatz für das Wohl aller – durchaus lebenswert ist, auch in der Pandemie. Ganz nach Ernst Bloch sollten wir das Positive im Fokus behalten, denn wer blind wird für das Gute und aus dem Gefühl des Niedergangs nicht herausfindet, der verliert die Fähigkeit zur Hoffnung.

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