Projekt «Träffponkt»

Kleine Freude mit grosser Wirkung


Wo früher junge Textilarbeiterinnen aus dem Süden hausten, hauchen heute fröhliche Kinderstimmen dem Gemeinschaftsraum des Durchgangszentrums Sonnenhof Leben ein. So auch jeden zweiten Montag beim «Träffponkt» – ein Projekt des Jugendrotkreuzes des Kantons Luzern – wo die Kinder spielerisch Deutsch lernen und Schweizer Traditionen entdecken.

Autorin: Larissa Brochella

«Das Beste ist die Freude der Kinder, sie machen begeistert mit und lernen dabei immer etwas», sagt Merigme Vishaj, Freiwillige beim «Träffponkt». (Bilder: lbr)

Ein leises Knipsgeräusch zieht die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich, die sich im Gemeinschaftsraum des Durchgangszentrums Sonnenhof versammelt haben. «Ich will auch ein Foto», ruft ein Mädchen namens Thoorika und zieht ihre beiden besten Freundinnen mit vor die Kamera. Die drei Mädchen im Primarschulalter posieren voller Elan und mit einer kindlichen Hemmungslosigkeit, die bei den sich auf den Sofas ausbreitenden Jugendlichen bereits klammheimlich einer aufgesetzten Coolness Platz gemacht hat. Sie schneiden Grimassen, formen Herzchen mit den Händen und werfen schmollende Blicke in die Kamera.

Ein «Träffponkt» für Gross und Klein

Die drei Freundinnen haben sich mit einer Handvoll weiterer Kinder aus ungeduldiger Vorfreude bereits etwas vor 19 Uhr im Gemeinschaftsraum eingefunden und erwarten nun gebannt das Eintreffen der Freiwilligen vom Jugendrotkreuz (JRK) Kanton Luzern. An diesem kühlen Montagabend im März wird der zweiwöchentlich stattfindende «Träffponkt» von vier jungen Frauen geleitet, die sich freiwillig beim Roten Kreuz engagieren. Die meisten von ihnen sind bereits seit mehr als einem Jahr beim «Träffponkt» dabei und kennen die Kinder gut.

Entstanden ist der «Träffponkt» im Jahr 2017. Seither gehört er zu den Freiwilligenprojekten des Jugendrotkreuzes, die regelmässig durchgeführt werden, erzählt Nina Laky, Leiterin des JRK Kanton Luzern. Obwohl der Anlass ursprünglich offen war für alle, hat es sich irgendwann so ergeben, dass vor allem Kinder teilnehmen. Auch an diesem Abend sollte sich zeigen, dass die Jugendlichen und Erwachsenen im Sonnenhof nur gelegentlich für einen Blick auf die Kunstwerke der jüngeren Familienmitglieder vorbeischauen werden.

Inzwischen ist das Programm deshalb mehrheitlich auf die jüngeren Bewohnerinnen und Bewohner des Sonnenhofs ausgerichtet und meistens von Bastel-, Back- und Spielaktionen geprägt. Jeder «Träffponkt» sehe dabei etwas anders aus und werde jeweils von einer oder einem der Freiwilligen organisiert, erklärt Alexandra End, Kerngruppenmitglied des Projekts, während sie von den Kindern im Durchgangszentrum mit stürmischen Begrüssungen beglückt wird. «Je nach Saison versuchen wir auch passende Schweizer Traditionen einzubauen.» Das Ziel: spielerisch die Deutschkenntnisse der Teilnehmenden verbessern, aber auch den Austausch und das gegenseitige Verständnis fördern.

Lebkuchensterne im neuen Zuhause

An diesem Abend ist Nadia Russo für das Programm zuständig. Sie trifft als letzte der Freiwilligen ein und findet sich sogleich umgeben von einem Dutzend Kinder, die sich in der Zwischenzeit im Gemeinschaftsraum versammelt haben. Erwartungsvolle Gesichter folgen ihr gebannt, wenn sie erklärt, was an diesem Abend gebastelt werden soll: eine Krone und ein Spiel aus Papptellern und WC-Rollen. Bald schon ziehen die mitgebrachten Bastelmaterialien, allen voran die Glitzeraufkleber mit unterschiedlichsten Motiven, die Kinder in ihren Bann und es kehrt erstmals etwas Ruhe ein.

Zereen sitzt ihrem Bruder gegenüber an einem der drei Holztische und klebt zielsicher Herzen, Dinosaurier und Sterne auf ihre Krone. Sie lebt schon seit zwei Jahren mit ihrer Familie im Durchgangszentrum Sonnenhof. Als sie das erste Mal am «Träffponkt» teilgenommen hat, war sie gerade erst im Sonnenhof eingetroffen und alles fühlte sich noch fremd an. «Wir haben Lebkuchensterne gebacken. Das war wirklich sehr schön», erinnert sie sich. Mittlerweile ist der «Träffponkt» für die junge Primarschülerin ein gelungener Abschluss für einen geschäftigen Montag.

«Mit der Zeit lernen die Kinder immer besser Deutsch und man kann anfangen richtige Gespräche zu führen. Das ist schon toll mitanzusehen.»


Alexandra End, Kerngruppenmitglied des Projekts «Träffponkt»

Bewusstsein schaffen

Eine Priorität des Jugendrotkreuzes im Umfeld «Migration» sei es, Bewusstsein zu schaffen für das, was ausserhalb der Sichtweite vieler Menschen geschieht. «Das Leben in einem Asylzentrum ist schwierig und zu einem grossen Teil sehr abgekoppelt von der Aussenwelt», erzählt Laky. Es brauche deshalb Initiativen, um Kontakte zu schaffen und ein gegenseitiges Verhältnis zu fördern. Vordergründig geht es darum, sich kennenzulernen und gleichzeitig die Deutschkenntnisse zu verbessern. Laky wünscht sich, dass diese Projekte den Alltag der Menschen etwas erleichtern und ihnen helfen, neue Kontakte zu knüpfen: «Im besten Fall entstehen in allen unseren Projekten Freundschaften.»

Wie viele Freiwilligenprojekte des Jugendrotkreuzes ist auch der «Träffponkt» aus der Initiative der Freiwilligen heraus entstanden: «Es ist uns wichtig, dass die Mitglieder des Jugendrotkreuzes sich im Rahmen von SRK-Strategieprojekten wie Alter, Migration oder Familie engagieren können», erklärt Laky. Eine der jungen Frauen, die den «Träffponkt» seit Sommer 2019 regelmässig leitet, ist Merigme Vishaj. Anfangs sei sie noch etwas zurückhaltend gewesen, doch die Kinder hätten sie sofort aufgenommen.

Kleben, helfen, zuhören

Ein wichtiges Ziel dieser Projekte ist für Laky, dass man einander zuhört, voneinander lernt und dass durch das Schaffen von Begegnungen gegenseitige Ängste abgebaut werden. Doch auch das Erlernen der Landesprache ist ein zentraler Aspekt. Die Freiwilligen halten sich deshalb an die Standardsprache und erwähnen immer wieder die korrekten deutschen Begriffe für Objekte. «Mit der Zeit lernen die Kinder immer besser Deutsch und man kann beginnen, richtige Gespräche zu führen. Das ist schon toll mitanzusehen», bemerkt End.

Aber auch die sehr kleinen Kinder und die, die noch keine guten Deutschkenntnisse haben, wissen sich mit Händen und Füssen zu verständigen und lassen potenzielle Sprachbarrieren dem gemeinsamen Spielen und Basteln nicht im Weg stehen. «Ich liebe Herzen», meint Senod und präsentiert stolz ihre Krone, die vor bunten Glitzerklebern nur so funkelt. Heute Abend wird sie all ihre Basteleien nach Hause nehmen: «Ich mache dann alles voll», sagt sie mit einem Lachen im Gesicht.

Währenddessen sind die Freiwilligen konstant damit beschäftigt zu kleben, zu schneiden und Hilfestellung zu geben, wo Hilfe gebraucht wird. Vor allem aber hören sie zu, wenn die Kinder von der Schule, der Lieblingsfarbe oder den nervigen Geschwistern erzählen: «Es ist wichtig, dass wir Interesse haben und nachfragen, wie es in der Schule gelaufen ist», betont Alexandra End. «Ich geniesse die Abende hier sehr, auch wenn es oft recht anstrengend ist.»

«Im besten Fall entstehen in all unseren Projekten Freundschaften.»


Nina Laky, Leiterin JRK Luzern

Bis zum nächsten Mal

Je näher der Zeiger gegen 21 Uhr rückt, desto mehr schwindet die anfängliche Energie. Einige Kinder haben sich bereits zu ihren Familien zurückgezogen, während andere vertieft sind in das selbstgebastelte Spiel oder eine Partie Uno. Als die Freiwilligen mit dem Aufräumen beginnen, packen die Kinder mit an: Sie reinigen den glitzernden Boden, säubern die farbigen Tische und sammeln verlassene Kunstwerke ein.

Die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben, nehmen die Kinder Abschied und bekunden ihre Vorfreude für das nächste Wiedersehen. «Es gibt ein gutes Gefühl, zu sehen, wie die Kinder dazulernen und wie sehr ihnen die Abende Freude bereiten», betont Vishaj lächelnd und ergänzt: «Das gibt uns allen neue Energie.»

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