Stadtplanung mit AR

Neue Welten im Emmenpark


Wie steht es um Ihre raumplanerische Vorstellungskraft? Abstrakte Baupläne bei Infrastrukturprojekten sind für Laien selten hilfreich zur Visualisierung des baulichen Vorhabens. Wie ein Blick auf den Emmenpark zeigt, kann Augmented Reality diesen Zugang deutlich erleichtern – und obendrein für einen Demokratisierungsschub sorgen.

Autor: Philipp Bucher

Ein kleiner Bildschirm als Zugangstor zu möglichen Realitäten: HSLU­-Studierende machen die Neugestaltung des Emmenparks mittels Augmented Reality multisensorisch erlebbar. (Bilder: Christian Schnellmann)

Zaungästen muss sich ein ziemlich groteskes Schauspiel darbieten. Rund 50 Personen, aufgeteilt in vier Gruppen, irren vermeintlich ziellos über das Gelände zwischen Hochschule und Kleiner Emme, die Blicke starr auf Tablets und Smartphones gerichtet, derweil die Sonne beharrlich höher steigt und ihre UV-Geschosse erbarmungslos vom Himmel knallt. Die aufgespannten Regen-Sonnen-Schirme mögen das Blenden der Strahlen mildern – gegen die Hitze kommen sie nicht an.

Die klebenden Shirts und Schweissperlen auf der Stirn allerdings zahlen sich aus. Der Transpiration Lohn sind nämlich nichts weniger als vertiefte Einblicke in einen Pool kreativer Gestaltungsideen, die dem Ort des Geschehens in dessen Zukunftsentwicklung potenziell den Weg weisen dürfen. 14 Design- und Kunststudierende der Hochschule Luzern haben in einem achtwöchigen Modul mit Augmented Reality (AR) Nutzungsmöglichkeiten für den Emmenpark entwickelt (vgl. Emmenmail Mai/Juni 2021). Im Rahmen eines öffentlichen Informations- und Beteiligungsanlasses wurden die Ergebnisse nun präsentiert.

Den künftigen Quartiertreff multi­sensorisch vor Ort erleben

«Wie kann man Augmented Reality gestalterisch-partizipativ einsetzen?», rezitiert Dozent und Projektleiter Tobias Matter zum Auftakt des Anlasses die Leitfrage des Projekts. Als prototypisches Anwendungsfeld solle der Emmenpark grundsätzliche Erkenntnisse dafür liefern, welches raum- und stadtplanerische Potenzial in AR steckt. Die diesbezüglichen Vorteile lägen auf der Hand: «Indem AR die physische Realität mit virtuellen Inhalten kombiniert, können Nutzerinnen und Nutzer vor Ort erleben, wie sich die Umgebung künftig gestalten und nutzen liesse, ohne dass dazu effektiv bauliche Eingriffe nötig sind», erläutert Matter.

So verwandelt sich etwa der nördliche Teil der Parkanlage ganz ohne Schaufel und physische Ausstattung kurzerhand in einen belebten Quartiertreff mit mobiler Performance-Bühne, Foodtrucks und Lichterketten. Angeregtes Stimmengewirr und elektronische Musikklänge hallen über die Buvette-Szenerie, wir blicken auf Pingpongtische und Sitzgelegenheiten, während sich im Hintergrund Ateliercontainer übereinander türmen und virtuelle Bäume zwischen realen in die Höhe ragen. Je nach Blickrichtung und Standort tauchen weitere Elemente auf den Tablets auf, die diesen Teil des Emmenparks in eine Art Mini-NF49 verwandeln.

Weiter südlich wird das ehemalige Klärbecken zum Kräutergarten umfunktioniert und ein Foodwaggon zieht stoisch seine Bahnen auf dem historischen Gleisstrang. Daneben findet gerade eine geführte Tour durch «Die Geschichte der Menschheit» des Pariser Künstlers Martin Cassel statt. Der virtuelle IDA-Roboter mimt den Ausstellungsguide und lotst die Besucherinnen und Besucher über das Gelände des Emmenparks, der sich kurzerhand in eine multisensorische Kunstplattform verwandelt.

Demokratisierung der Raum- und ­Stadtplanung

Die Präsentation der vielfältigen Ideen der vier Studierendengruppen erlaubt eine gute Vorstellung davon, wie die aktive Mitgestaltung der Bevölkerung in der Raum- und Stadtplanung künftig aussehen könnte. So sollen die Erkenntnisse aus dem IDA-Modul längerfristig eine AR-Anwendung konstituieren, mit der die Menschen bei raumplanerischen Vorhaben einerseits Vorschläge virtuell erleben und andererseits eigene Ideen erarbeiten und besprechen können – etwa in Form von Workshops.

Für Projektleiter Tobias Matter steht derweil fest: «Die AR-Technologie eröffnet neue Möglichkeiten in der partizipativen Stadtplanung.» Heute müsse die Bevölkerung bei raumplanerischen Vorhaben entweder abstrakte Baupläne studieren, um mitreden zu können, oder auf den Planungsprozess vertrauen und nach der Umgestaltung mit der neuen Situation zurechtkommen. «Mit AR können sich die Menschen früh in den Prozess eingeben und Einfluss auf das Ergebnis nehmen», zeigt sich der HSLU-Dozent überzeugt.

Gestaltung des Emmenparks mittels AR

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt im Emmenpark sowie weitergehende Einblicke in die Arbeiten der Studierenden sind unter www.ida-emmenpark-gestaltung.kleio.com einsehbar.

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