Träumer? Spinner? Oder Visionäre?

Emmen - quergedacht


Planschen im Emmen-See, mit James Bond durch die Viscosistadt flanieren und zukunftsträchtige Arbeitsformen vorleben. Willkommen in Emmens Zukunftsbild. Wir haben den Zeichnern über die Schultern geblickt und stellen fest: Das Emmen von morgen wird aufregend.

Autor: Philipp Bucher

«Ein Traum ist unerlässlich, wenn man die Zukunft gestalten will», sagte der französische Schriftsteller Victor Hugo. Ein Augenschein zeigt: In Emmen wurde das Träumen nicht verlernt. (Bild: zvg)

Ein Visionär oder eine Visionärin, verrät das Online-Wörterbuch, ist eine Person, die Vorstellungen von der Zukunft entwickelt. Oder anders: Ein Visionär ist jemand, der den eigenen Zukunftsentwürfen folgt und mit Verve daran arbeitet, seine Ideen zu verwirklichen. Mut, Beharrlichkeit und Handlungswille sind seine wichtigsten Ingredienzen – und ein guter Schuss «Thinking outside the box».

Freie Denkkultur am Sonnenplatz

Es bedarf keiner langen Suche, um visionäres (Quer-)Denken auch in Emmen aufzuspüren. Erste Indizien gibts am Sonnenplatz, wo wir auf Sandro Bieri, den Präsidenten des Quartiervereins Sonnenhof und Umgebung, treffen. Mit im Gepäck hat er eine Einladung zum gemeinschaftlichen Denken. Mehr noch: den Konstruktionsplan für eine holistische Gedankenmaschine. Er nennt sie die freie Denkfabrik Sonnenhof.

«Die Grundidee eines Quartiervereins», sagt Bieri, «ist dessen Funktion als Ideengeber. Es geht darum, Menschen zu verbinden, Identität zu schaffen und Ideen und Lösungsformen zu generieren.» Wer diese Ideen dann tatsächlich umsetzt, ist zweitrangig. Die freie Denkfabrik ist ein Gefäss, eine Fabrikationsanlage für visionäre Zukunftsbilder quasi. Es ist ein Ort, an dem Ideen geboren, oder besser: wach gekitzelt und zu Visionen gesponnen werden. Bieri spricht von einem schöpferischen Akt, der die Menschen zusammenbringt und dazu anregt, am Leben zu partizipieren. «Der Austausch an sich ist bereits ein Mehrwert.»

60 Minuten, vier Themen und ein blubbernder Eintopf

In der freien Denkfabrik bringen sich rund zwei Dutzend Personen während 60 Minuten zu vier unterschiedlichen Themen ein. Die persönlichen Beiträge ergänzen sich zu einer «ganzheitlichen Anschauung über die Zukunft, die ihrerseits völlig neue Betrachtungsweisen freizulegen vermag», erklärt Bieri.

Unmittelbar bevor Corona im März dieses Jahres zum Zweihänder griff, stiegen erstmals Rauchschwaden aus den Schornsteinen der Denkfabrik. Diese zeichneten Wolkenbilder von Begegnungsplätzen, Flanierzonen, baumgesäumten Verbindungswegen und einem gestärkten Gemeinschaftsgefühl in den Himmel. «Die Coronakrise hat den Menschen die Bedeutsamkeit des analogen Zusammenkommens deutlich vor Augen geführt», konstatiert Bieri. Die freie Denkfabrik versteht er denn auch als ein Instrument, um die Menschen zu verbinden. «Nur miteinander können die einzelnen Teile zu einem Ganzen vervollständigt werden. Ähnlich den Zutaten eines Eintopfes, die nur zusammen etwas Grossartiges ergeben.»

Strategie Emmen 2025


Die Gemeinde Emmen hat in Zusammen­arbeit mit der Hochschule Luzern – Wirtschaft, mit der Bevölkerung, der Wirtschaft und der Verwaltung in einem mehrstufigen Prozess die Strategie Emmen 2025 entwickelt. Dieses Zukunftsbild der Gemeinde beinhaltet eine Entwicklungsstrategie, relevante Handlungs­felder sowie konkrete Zielsetzungen. Vision und Strategie sind hier abrufbar.

Ab ans Wasser

Das Bild des köchelndes Ideentopfes nehmen wir mit und folgen der Gerliswilstrasse gen Süden. Vor dem Tramhüsli biegen wir ab in Richtung Emmenweid und kehren ein in die Gemeinschaftswerkstatt Holz&Sieb. Gleich nebenan wurde vor über 100 Jahren die Viscosi Emmenbrücke gegründet und es scheint, als ob der visionäre Geist von damals den Schauplatz nie verlassen hätte. Raphael Beck jedenfalls hat er definitiv erfasst. Auch ihm schwebt etwas Grosses vor, das die Entwicklung der Gemeinde nachhaltig prägen würde: einen See für Emmen.

«Genau genommen geht es primär darum, eine öffentliche Diskussion anzustossen», präzisiert Beck, Präsident des jüngst gegründeten Vereins Emmen am See. Mit der gleichnamigen Kampagne möchte Beck der Emmer Bevölkerung seine Vision eines Emmer Sees zeigen, sie «in die Herzen der Menschen spülen», wie er sagt. Plakate, Geschichten, Songs und weitere Aktionen laden ein zur imaginären Reise in ein utopisches Emmen von morgen, wo der Grundwassersee im Emmenfeld in der Sonne glitzert.

Wachappell ans schlummernde Kind

Was hätten die Emmerinnen und Emmer davon? Was spricht dagegen? Und welche Emotionen löst das Zukunftsbild «Emmen am See» aus? «Wir wollen eine unabhängige Studie über die wirtschaftlichen Auswirkungen eines renaturierten Flugplatzgeländes auf die Gemeinde erreichen», erläutert Beck. In der Seelandschaft sieht er ausserdem eine zweite Option zum kantonalen Hochwasserschutzprojekt an der Reuss, was mittels Machbarkeitsstudie ebenfalls geprüft werden solle.

Vor allem aber gehe es Beck um die Vision selbst, darum, «diese gemeinsam zu fühlen und zusammen etwas Grosses zu erschaffen», betont er – und richtet dabei zugleich einen Appell an unser inneres Kind: «Es ist das Träumerische und Kindliche, das uns anregt und einen Schritt in die richtige Richtung weiterbringt. Kinder sind neugierig und hören nie auf zu lernen und machen darum grossartige Fortschritte.»

«Es geht primär darum, eine öffentliche Diskussion anzustossen.»


Raphael Beck, Emmen am See

Spinner? Klar doch!

An Visionären und Visionärinnen scheiden sich die Geister. Die einen fangen Feuer und sorgen dafür, dass sich die Idee einem Flächenbrand gleich rasant verbreitet. Die anderen mimen den Skeptiker: «Nett», sagen sie im besten Fall, «aber nicht realisierbar.» Oder: «Träum weiter. Brauchts nicht, kenne ich nicht, will ich nicht.» Ihr Verdikt: irgendwas zwischen Träumerei und Spinnerei.

Mit Letzterem lassen sich Albi Christen und Sacha Willemsen indes gerne etikettieren. Spinner? Klar doch! Aber nicht in umgangssprachlich abwertender Form, sondern dem handwerklichen Begriff des Fadenspinnens entstammend, welcher im übertragenen Sinne ins Spinnen eines Gedankenfadens mündet. Was dabei entsteht? «Ein Ort, an dem Potenziale entfaltet werden», sagt Willemsen und blinzelt in die Nachmittagssonne.

Luftgetrocknet nach einem Sprung in den Emmer See sind wir zwischenzeitlich tiefer in die Viscosistadt vorgedrungen. Hier, wo einst Fäden zu Garn gesponnen wurden, setzen Willemsen und Christen mit dem Projekt Spinnerei beflissentlich ihre Vision der Arbeitswelt von morgen in die Tat um. «Mit der Spinnerei entsteht ein Business-Ökosystem von Einzel- und Kleinstunternehmen aus der Kreativwirtschaft, die sich zusammentun, um gegenseitig voneinander zu profitieren», erklärt Christen.

image
image

Das bessere Co-Working

Rund 120 Leute sollen in der Spinnerei voraussichtlich ab Herbst 2022 ihr spezifisches Wissen und ihre Erfahrungen miteinander verknüpfen und diese kollektive Intelligenz von aussen zugänglich machen. Für Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen bietet die Spinnerei Arbeits- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Zudem werden Workshops und Events veranstaltet.

Das mag nach gängigem Co-Working Space klingen, ist es aber nicht. In Anlehnung an New Work sprechen die beiden stattdessen von einem New-Working Space, wo der Aspekt des kollaborativen Arbeitens tatsächlich gelebt wird. «Unsere Vision ist es, New Work aus seinem Dasein als blosses Schlagwort zu befreien und diese neue Form des Zusammenarbeitens erlebbar zu machen», sagt Willemsen.

«Es braucht grosse Ideen - und weniger kleinkariertes Denken.»


Niklaus Zeier, Filmstadt.ch

Eine filmreife Idee

Die Spinnerei fungiert mit seinen «Ermöglichungsräumen, Methoden und Tools» somit künftig als Steigbügelhalter zur Umsetzung anderer visionärer Projekte. Schliesslich dürfte die geballte Ladung an kreativen Ressourcen so manchem ideengeschwängerten Schöpfergeist zugutekommen.

Zum Beispiel Niklaus Zeier, Präsident der Film Commission Lucerne & Central Switzerland. Weite Wege müsste er dazu nicht gehen, denn auch er hat die Viscosistadt zur Manifestierung seiner Projektidee auserkoren. Angestossen durch den Luzerner «Tatort», der hier teilweise gedreht wurde, möchte Zeier mit Partnern aus der Filmbranche ehemalige Produktionshallen in eine Filmstadt verwandeln. Noch in diesem Jahr soll das gleichnamige Projekt zunächst als zwei- bis dreijährige Zwischennutzung warmlaufen.

Entstehen soll ein Ort, an dem Spielfilme, Serien und Werbefilme realisiert werden, flankiert von Konzerten, Theatern, Kongressen und anderen Events. «In der Schweiz gibt es kein eigentliches Filmstudio mehr», bemängelt Zeier. Viele Filmschaffende wandern ab, was nicht nur aus kultureller Sicht zu bedauern sei. «Die Filmbranche ist auch ein Wirtschaftsfaktor. Einen Film zu realisieren ist vergleichbar mit dem Führen eines KMU.» Durch die Nähe zur Hochschule könne die Filmstadt als Ausbildungs-, Arbeits- und Werkplatz zugleich dienen.

Auf der Spur von 007

Zeier treibt aber noch eine andere Motivation an: «Mein Traum ist, dass wir in der Zentralschweiz wieder Teile eines Bond-Streifens drehen», sagt er und weist auf die immense Ausstrahlungskraft des Schilthorns, auf dem 007 «im Gemeindienst ihrer Majestät» unterwegs war und dabei tiefe Vermarktungsspuren in den Schnee stapfte, die heute noch zu sehen sind.

«Es braucht grosse Ideen», ist Zeier überzeugt, «und weniger kleinkariertes Denken.» Der lockere Streifzug durch die Gemeinde zeigt, dass Emmen hierzu ein gutes Fundament bietet. Ohne visionäres Denken würde unsere Welt anders aussehen. Vieles, was heute selbstverständlich scheint, ist einst aus einer grossen Idee entstanden – auch solchen, die zunächst als Spinnerei abgetan wurden.

Visionäre Köpfe


Die visionären Köpfe hinter den Ideen nochmals der Reihe nach, von oben links nach unten rechts (Bilder: PD/pbu):

Sandro Bieri, Freie Denkfabrik

Raphael Beck, Emmen am See

Albi Christen, Spinnerei

Sacha Willemsen, Spinnerei

Niklaus Zeier, Filmstadt.ch

Gefällt Ihnen dieser Artikel? Teilen Sie ihn mit Freunden: