Zu Gast im recycelten Wunderland

Ein Frauenkörper mit sich bewegendem Spiderman-Kopf, ein Piratenschiff im Einkaufswagen – alles dreht sich und leuchtet im TinyARTContainer am Seetalplatz, wo das Künstlerpaar Roswitha Lüthi und Martin Solèr dazu einladen, in eine andere, vielleicht etwas fremde Welt einzutauchen.

«Es ist wie in der Schokofabrik von Charlie», schreiben Gäste über tAc auf der Webseite von Roswitha Lüthi und Martin Solèr. Der TinyARTContainer, kurz tAc, befindet sich als Teil der Zwischennutzung NF49 auf dem brachliegenden Seetalplatz. Und was von aussen unschwer als einer von vielen gräulichen Containern auszumachen ist, entpuppt sich mit einem Blick ins Innere als ein kleines Wunderland voller hypnotischer Bewegungen, seltsamster Objekte und strahlender Lichter.

Ein Spaziergang im Container

Seit 2015 ist das Künstlerpaar Lüthi und Solèr immer wieder über kürzere oder längere Zeit in Zwischennutzungen unterwegs. Nach der letzten, im Sörenberg, waren sie auf der Suche nach einer Anschlusslösung, die sich schliesslich mit der Eröffnung der Zwischennutzung NF49 durch den Verein Platzhalter präsentierte. Auf engstem Raum vereinen die beiden im TinyARTContainer Werkstatt und Ausstellungsraum. Das Nebeneinander von Schaffensprozess und Kunstwerk sei dem Künstlerpaar dabei ein grosses Anliegen: «Den Spaziergängern soll nicht nur das Perfekte und Fertige gezeigt werden wie in einem Museum. Sie sollen sehen, wie das alles entsteht», erklärt Solèr.


Lüthi und Solèr haben sich bewusst dagegen entschieden, klassische Führungen zu geben, da diese eine Einseitigkeit implizieren, die das Künstlerpaar unbedingt vermeiden möchte. «Wir nennen es einen Spaziergang, weil es gegenseitig ist. Wir können von den Reaktionen und Aussagen der Menschen lernen – von den Kleinen sowie den Grossen», erklärt Lüthi.

Der Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern sei ein wichtiger Bestandteil der Spaziergänge und helfe, den Zugang zu den Menschen zu finden.

Denn nicht nur Kunstinteressierte, sondern auch Menschen, die im ersten Moment mit dem Ganzen nicht allzu viel anzufangen wissen, sollen im TinyARTContainer auf ihre Kosten kommen. Dass inzwischen immer unterschiedlichere Gruppen ihren Weg in den TinyARTContainer finden, freut die beiden deshalb sehr. «Uns ist wichtig, dass wir für alle eine offene Tür haben», betont Lüthi.

Ein Schuhlöffel, um reinzukommen

Der Spaziergang beginnt noch vor dem Betreten des Containers. Lüthi und Solèr bieten Zettelchen mit Bildern, Texten oder Farben an, die die Entdeckungstour leiten und die vielen Reize im Raum mit etwas mehr Leichtigkeit fassbar machen. Mit dem Betreten des TinyARTContainers wird jegliches Tageslicht zurückgelassen, denn nur in der Dunkelheit können die Installationen ihre magische Wirkung vollkommen entfalten.


Eine verspielter, ausgeklügelter und raffinierter als die letzte, können die Installationen durch Pedal oder Schalter in Bewegung versetzt werden. Die vielen Details sind weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick vollständig erfassbar und immer wieder zieht ein anderes Geräusch die Aufmerksamkeit auf sich, fällt eine neue Bewegung ins Auge, wird ein weiteres Element entdeckt. «Wir sagen immer, dass man eigentlich einen Schuhlöffel braucht, um reinzukommen. Es befindet sich alles auf kleinstem Raum. Kompakt, konzentriert und alle Sinne in Anspruch nehmend», beschreibt Solèr.

«Wir sagen immer, dass man eigentlich einen Schuhlöffel braucht, um reinzukommen. Es befindet sich alles auf kleinstem Raum. Kompakt, konzentriert und alle Sinne in Anspruch nehmend.»
- Martin Solèr, Künstler

Die Herstellung der Installationen beruht ausschliesslich auf der Verwendung von Abfallmaterialien. Geprägt in jungen Jahren von Menschen, die Sachen reparierten und wieder brauchbar machten, anstatt sie wegzuwerfen, hielt Solèr an diesem Gedanken der Wiederverwertung fest. «Wir waren auf den Kuhalpen unterwegs und da habe ich den älteren Menschen zugeschaut, die beispielsweise die Nägel nach Gebrauch wieder gerade bogen. Denn sie hatten nicht die Möglichkeit, einfach schnell neue zu kaufen.» Diese Mentalität habe sich in verschiedenen Lebensbereichen Solèrs durchgesetzt und nicht zuletzt auch einen ökonomischen Antrieb: «Die Installationen sind vom Material her gratis. Was drin steckt, ist unser Know-how, unsere Kreativität und unsere Zeit.»


«Wir können von den Reaktionen und Aussagen der Menschen lernen, von den Kleinen sowie den Grossen.»
-
Roswitha Lüthi, Dokumentarin, Organisatorin und künstlerische Mitarbeiterin

Finden, ohne zu suchen

«Wir suchen nicht nach den Materialien für unsere Installationen, sie kommen zu uns», erklärt Lüthi. Manchmal lägen die Sachen einfach vor der Nase rum, so zum Beispiel verloren gegangene Haarnadeln, die allerorts den Boden übersäen. Lüthi und Solèr werden aber auch zu Hausräumungen eingeladen oder bekommen von Bekannten Dinge angeboten, die nicht mehr gebraucht werden.

«Wir wählen aber bewusst aus und nehmen nicht einfach alles, um es dann selbst zu entsorgen», meint Lüthi lachend.


Genau deshalb passe ihre Kunst so gut zu Zwischennutzungen, erklärt Solèr: Die Materialien, aus denen die Installationen entstehen, hatten ursprünglich eine andere Aufgabe und würden bei Lüthi und Solèr nun in einer Zwischenphase zu Kunst weiterverarbeitet.

Dass sie bewusst vermeiden, nach Materialien zu suchen, bedeutet, dass das Künstlerpaar lernen musste, flexibel und spontan Ideen loszulassen und zu verändern: «Vielleicht hat man eine gewisse Bewegung im Kopf, die mit den vorhandenen Materialien nicht realisierbar ist. Dann gehen wir nicht auf die Suche nach dem perfekten Teil, sondern arbeiten mit dem, was vorhanden ist», meint Solèr. In den meisten Fällen weiche das Endergebnis beträchtlich von der anfänglichen Vision ab und trotzdem seien sie immer wieder erstaunt darüber, was Fantastisches entstanden ist.


Ohne Sinn und Zweck

In ihrer künstlerischen Tätigkeit pflegen Lüthi und Solèr eine prozessorientierte Herangehensweise. Sie beginnen ohne genaues Konzept und nach und nach entsteht eine Vorstellung davon, was sie hervorbringen möchten. «Abgeschlossen ist der Prozess, wenn wir denken, so, jetzt reicht es. Aber es gibt keinen klaren Anfangs- und Endpunkt.» Gewisse Installationen würden seit 20 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt.



Damit strebt das Künstlerpaar eine Lösung von vorgegebenen Mustern an. «Wir wollen möglichst kindlich an die Sache rangehen. In unserem Alltag sind wir geprägt von Vorgehensweisen, in der Berufslehre, im Job, in der Familie. Im kreativen Prozess versuchen wir, diese loszulassen.»

Es sei zudem ein Versuch, in der Kindheit drinzubleiben, und dies möglichst lange und freudvoll. Dabei mache es besonders Spass, etwas hervorzubringen, was weder effizient noch produktiv sein muss. «Platz zu haben für das, was keinen Sinn hat, ist ein Privileg», meint Solèr.

«Platz zu haben für das, was keinen Sinn hat, ist ein Privileg.»
- Martin Solèr, Künstler.

Ein Ort zum Träumen

«Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Menschen den TinyARTContainer betreten und ein Tausendwattlächeln auf ihren Gesichtern aufkommt», besinnt sich Solèr. Es komme häufig vor, dass die Besucherinnen und Besucher sagen, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten, dass es etwas gesponnen und verrückt sei, meint Lüthi. «Ich glaube, den Leuten gefällt dieses Eintauchen in eine ganz andere Welt.»


Dieser Ort auf dem NF49 mache auch die Zusammenarbeit mit anderen Personen und Institutionen sowie zufällige und sehr bereichernde Begegnungen auf dem Gelände möglich, so Solèr. «Der Seetalplatz ist nach den Bauarbeiten als Brache zurückgeblieben. Für mich ist es deshalb auch ein Freiraum, den ich mitgestalten kann. Ich denke, es ist wichtig, einen Ort zu haben, an dem Menschen Träume und Visionen umsetzen können.»


Autorin: Larissa Brochella

Spaziergang TinyARTContainer

Infos unter www.solerluethi.ch

Kontakt: info@solerluethi.ch

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