Kopf des Monats

Judith Huber

Performance-Künstlerin

Mit ihrer Performance «2x Fichte» konnte sie Publikum und Jury überzeugen und räumte den Publikumspreis sowie den Performance-Preis Schweiz 2018 ab. Doch war es nicht das erste und wird es bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass die seit 16 Jahren in Emmen wohnhafte Performance-Künstlerin zu begeistern vermag.


Nachdem sie die erste Fichtenlatte auf ihrer Schulter platziert hat, hält Judith Huber einen Moment inne, dann beginnt sie sich behutsam im Raum zu bewegen. Das Publikum verfolgt das Spektakel gebannt. Abgesehen von ein paar Kinderstimmen und dem einen oder anderen Räuspern ist es im lichtdurchfluteten Raum im Tinguely Museum in Basel still. Mit einer Grazie, die an eine Tänzerin erinnert, die langen Fichtenlatten sicher auf den Schultern balancierend, erprobt Huber den Raum und bewegt sich schliesslich auf das Publikum zu, welches ihr ohne Widerstand den Weg freigibt.


«Das war sehr berührend», meint Huber, während sie ihren eigenen Bewegungen auf dem Bildschirm aufmerksam folgt. «Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich Menschen gemeinsam auf etwas einlassen können. Diese Momente machen die Performance-Kunst für mich so wertvoll.»

"Brut" - Performance von Judith Huber

Was ist Performance-Kunst für Sie?

Performance-Kunst heisst für mich, im Moment zu agieren und in Kontakt zu treten mit Publikum und Raum, um zusammen etwas Neues zu kreieren und zu entdecken.

Wie haben Sie mit der Performance-Kunst angefangen?

Nachdem ich meine Ausbildung in Freier Kunst an der Hochschule Luzern für Gestaltung und Kunst (heute Design & Kunst, Anm. d. Red.) abgeschlossen hatte,

störte ich mich bei Ausstellungen immer wieder an dem Zeitunterschied zwischen der Entstehung eines Werks und der ersten Präsentation vor Publikum.


Natürlich entsteht auch eine Performance nicht erst vor den Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Doch entwickelt sie sich vor und in Interaktion mit ihnen weiter und verwandelt sich somit immerzu.Die Performance-Kunst rückte so aufgrund ihrer Unmittelbarkeit schon bald in den Mittelpunkt meines künstlerischen Schaffens.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren Performances?

Ich möchte ein Konzentrat eines Gefühls herstellen und mit minimalsten Mitteln zum Ausdruck bringen. Dazu benötige ich manchmal nur meinen eigenen Körper, manchmal auch Hilfsmittel wie die Fichtenplatten in der Performance «2x Fichte». Zusammen ergeben die einzelnen Komponenten und Bewegungen schliesslich ein Gesamtbild. Nicht unähnlich einer abstrakten Zeichnung, bei der es unmöglich ist zu wissen, was die einzelnen Striche bedeuten.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

In früheren Arbeiten inspirierten mich die Formbarkeit und Vergänglichkeit, die Macht und Ohnmacht des Körpers sehr. Seit einigen Jahren interessieren mich mehr und mehr das Erforschen und Erkunden des Raumes im Moment und der Austausch mit dem Publikum. So war es beispielsweise die kindliche Gelassenheit meines Neffen, die meine Perfromance "the sound of my shoulder" inspirierte.

Performance-Kunst: Was ist das eigentlich ?

Seit den 60er Jahren gewinnt die Performance-Kunst, die eine Form der Aktionskunst darstellt, immer mehr an Beliebtheit.

Performance Kunst wirkt in die Felder der Bildenden Kunst, der Musik, des Tanzes, des Theaters, der Literatur und auch in die Kleinkunst hinein und ist inter- und trans- disziplinär.

Man kann sie als die Kunst des Handelns bezeichnen, die sich nicht im Rahmen gewohnter Präsentationsformen und Auffüh­rungspraxen bewegt. Performance-Art löst sich von der Vorstellung eines dauerhaften und werthaltigen Kunstobjekts und lässt die Grenzen zwischen Kunstobjekt und Künstler/in sowie Prozess und Werk verblassen.


Autorin: Judith Huber/lbr

"Seit einigen Jahren interessieren mich mehr und mehr das Erforschen und Erkunden des Raumes im Moment und der Austausch mit dem Publikum."

Wie entsteht eine Performance?

Ich durchlaufe verschiedene Phasen, bevor eine Performance publikumsbereit ist. Meist fängt es mit einer Idee oder einem Gefühl an, dass mich für eine längere Zeit beschäftigt, bis es schliesslich eine Dringlichkeit bekommt. Daraufhin folgt eine Austauschphase mit Künstlerfreundinnen und –freunden. Manchmal strebe ich zudem vorerst eine kleinere Öffentlichkeit an, um die Performance weiterzuentwickeln. Schliesslich führe ich sie vor grösserem Publikum auf.

Wie lange dauert dieser Prozess?

Eine Performance zu gestalten braucht viel Zeit. Denn es kann Jahre dauern, bis ich mich dem angenähert habe, was ich zeigen möchte.

Mit «2x Fichte» haben Sie den Performance-Preis Schweiz 2018 gewonnen. Wie kam die Idee dazu?

Bevor "2x Fichte" entstand, hatte ich länger nichts mehr geschaffen. Dieser Umstand brachte mich aus der Ruhe, doch es war schliesslich genau diese innere Unruhe, die mich zu «2x Fichte» führte. Denn mithilfe der einfachen Fichtenlatten, die ich auf den Schultern trug, fand ich meine innere Balance in einem Spiel mit Raum und Publikum wieder. Auch wenn mir dies erst im Nachhinein bewusst wurde.

Brut


Die Körpermasse, gefüllt mit Hefeteig, liegt da. Zwei Wärmelampen hängen über dem Körper. Die Masse macht Bewegungen. Nicht wie ein Mensch. Nicht wie ein Tier.
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Judith Huber

To find out how the land lies


It's about the in between, it's about ambiguity, about exploring the moment, it's about ‚not knowing whats in the next five minutes', it's about asking and not answering, it's about atmosphere, it's about things as they are and disappear straightaway, it's about tone and silence. An interplay between control and improvisation.
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Judith Huber

Im Jurybericht heisst es: «Wie Judith Huber mit Beharrlichkeit Raum einnimmt, ohne ihn direkt einzufordern auf nicht-konfrontative, doch selbstbewusste Art und Weise, ist höchst berührend und kann als Ausdruck einer feministischen Haltung gelesen werden.» Schwingen Ihre Werte in Ihrer Kunst immer mit?

Es war keine bewusste Entscheidung, damit eine feministische Perspektive zu übermitteln. Oft tragen meine Performances unbeabsichtigt bereits durch die starke Reduktion der Mittel und Bewegungen eine Message in sich. Denn viele ertragen diese Ruhe, dieses Hingezogene meiner Performances nicht. Ich fasse dies auf als ein Zeichen der Zeit, dass die einen diese Einfachheit kaum aushalten und andere wiederum gezielt danach suchen.

Sie sagen es sei ein Zeichen der Zeit, dass viele Menschen eine gewisse Einfachheit wieder suchen. Wie stellen Sie diese Aktualität in Ihren Performances her?

Das ergibt sich einfach. Ich denke, es ist sinnlos etwas möglichst «Aktuelles» erzwingen zu wollen. Es ist die Natürlichkeit, die mir wichtig ist. Dadurch wird es automatisch auch politisch und aktuell.

"Viele ertragen diese Ruhe, dieses Hingezogene meiner Performances nicht. Ich fasse dies auf als ein Zeichen der Zeit, dass die einen diese Einfachheit kaum aushalten und andere wiederum gezielt danach suchen."

Wie ist ihr Atelier, der (ort), entstanden?

Ich suchte im 2012 eine Räumlichkeit für Performance-Abende in kleinerem Rahmen. Nachdem ich viele grössere Performance-Art-Festivals veranstaltet hatte, wollte ich einen Ort, an dem ich einerseits eigene Performances aufführen und weiterentwickeln konnte und andererseits kleine Performanceabende organisieren konnte. Schliesslich wurde ich in der Viscosistadt fündig. Seit drei Jahren finden dort monatliche Performance-Abende statt, an denen jeweils drei Kunstschaffende auftreten. Zweimal im Monat findet zudem der (ort) Mittagstisch statt. Dieser ist entstanden, weil es im Haus und in der Umgebung viele Ateliers gab, man sich aber höchstens im Eingang ab und an begegnete. Ich hatte das Bedürfnis, diese Menschen besser kennenzulernen, und war zudem neugierig, wer überhaupt kommen würde. So ist aus dem Mittagstisch ein (ort) für ungezwungenen Austausch und das Knüpfen neuer Beziehungen geworden.

Und der Name?

Ich konnte mich länger nicht entscheiden, wie ich diesen, meinen Ort, nennen sollte. Ich habe dann immer wieder Leuten von meinem Ort erzählt und irgendwann schien es mir stimmig, ihn schlichtweg so zu nennen. Das Logo habe ich dann mit der Grafikfirma l'équipe [visuelle] entwickelt, die sich ebenfalls im Haus befindet.

"2x Fichte"

2018 gewann Judith Huber mit ihrer Performance "2x Fichte" im Tinguely-Museum in Basel den Publikums- und Performancepreis Schweiz.


Was ist das Eindrücklichste, das Sie aufgrund Ihrer Arbeit erleben durften?

Ein spezifisches Erlebnis, das mich sehr berührt hat, war eine Performance, die ich damals im Estnischen Talin auf einem Festival zum Besten geben durfte. Ich fing mitten im Publikum an kleinste Handbewegungen zu machen. Anfangs war ich noch unsicher, ob ich mit meinen minimalistischen Bewegungen im aufgewühlten Festivalbetrieb überhaupt die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken vermögen würde. Doch langsam wurde es immer ruhiger und es entwickelte sich eine gemeinsame Konzentration auf meine Bewegungen. Das war sehr eindrücklich. Als Teil des Performance Art Network Schweiz darf ich mich zudem immer wieder an der spannenden Zusammenarbeit und dem Zusammenhalt zwischen Künstlerinnen und Künstlern freuen. Das gibt mir Kraft und einen stärkenden Rahmen sowie Inspiration für meine eigene künstlerische Tätigkeit.


Autorin: Larissa Brochella


Judith Huber - (ort)

Informationen zu Performances, Mittagstisch und mehr unter: http://www.judhu.ch/


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