Auf dem Weg zur digitalen Reife


Digitale Transformation: eine ebenso aktuelle wie abstrakte Begrifflichkeit. Die Gemeinde Emmen hats trotzdem gewagt und dem Thema gleich einen ganzen Abend gewidmet – und damit deutlich gemacht, dass sie die digitale Zukunft aktiv mitgestalten möchte.

Schon mal Uber benutzt? Filme gestreamt? Oder den Urlaub über Airbnb gebucht? Sei es eine der genannten Dienstleistungen, ein schlichter Online-Einkauf, eine vordergründig banale Interaktion mit der Sprachassistentin im heimischen Wohnzimmer: Der digitale Wandel hat sich längst in unserem Alltag eingenistet. Er durchdringt zusehends mehr und mehr Lebensbereiche, definiert neue Wirtschaftszweige, prägt gesellschaftliche Strukturen und beeinflusst kulturelle Normen und Werte.

Individuen, Gemeinschaften, Unternehmen und politische Institutionen sind gleichermassen von ebenso rasanten wie gravierenden technologischen Veränderungsprozessen betroffen, die hie und da bereits heute einen Vorgeschmack auf die Zukunft bieten. Um hierbei nicht ins Hintertreffen zu geraten, sind neue Denkmuster gefragt, die den Blick auf ebendiese Zukunft richten. Natürlich gilt dies für Unternehmen, die sich zwecks Wettbewerbsfähigkeit auf sich wandelnde Bedürfnisse und Verhaltensweisen ihrer Kunden und Belegschaft ausrichten müssen. Der digitale Wandel tobt aber längst nicht nur in ökonomischen Sphären.

Digitale Transformation: Eine Frage der Zeit

Wenn die Trennung von Privatperson, Geschäftskunde, Mitarbeiter, Bürger und Unternehmer verschwindet, gewinnt die digitale Transformation auch für die Modernisierung von öffentlichen Verwaltungen zunehmend an Bedeutung. Für eine Gemeinde heisst dies, ihr Selbstverständnis und die zu erbringenden Dienstleistungen entlang der veränderten Rahmenbedingungen anzupassen.


Auf dieser Grundlage lud der Gemeinderat Emmen Anfang Januar zum Dreikönigsgespräch. Unter dem Titel «Digitale Transformation: Eine Frage der Zeit» beleuchtete eine Expertenrunde vor rund 70 geladenen Gästen den digitalen Wandel aus Sicht der Gemeinde Emmen und richtete den Fokus dabei auf die Chancen, Herausforderungen und Auswirkungen des digitalen Transformationsprozesses.

Die digitale Reife als Leitstern vor Augen, möchte die Emmer Exekutive die digitale Transformation innerhalb der Gemeindeverwaltung nämlich ausdrücklich vorantreiben. Das Thema wurde denn auch in die Jahresziele 2020 aufgenommen, betont Gemeindepräsidentin Ramona Gut-Rogger im Zuge ihrer Begrüssungsrede: «Als übergreifendes Ziel beabsichtigt der Gemeinderat, die digitale Transformation als Herausforderung zu verstehen und bewusste Entwicklungen in Gang zu setzen, um als Gemeindeverwaltung auch in Zukunft den Bedürfnissen der Emmer Bevölkerung gerecht zu werden», erläutert Gut-Rogger.

Referierten und diskutierten am diesjährigen Dreikönigsgespräch zum Thema digitale Transformation: Michael Kost, Sabine Junginger und Benjamin Szemkus (v.l.). (Bild: Stefan Kämpfen / Luzerner Rundschau)

«Es geht nicht nur darum, technologisch Schritt zu halten, sondern vor allem ums Mitgestalten - von Menschen für Menschen.»

Evolutionäre Digitalisierung, revolutionärer Wandel

Um dieses Feld sicheren Trittes zu beschreiten, ist es hilfreich, den verwendeten Begrifflichkeiten etwas schärfere Konturen zu verleihen. Digitalisierung ist nämlich nicht gleich digitale Transformation. Ersteres steht generell für die Verschiebung von analogen zu digitalen Daten und Prozessen inklusive der Technologien und Geräte, die dafür notwendig sind. E-Mails statt Briefe, MP3 statt Vinyl, Online- statt Schalterdienst, die Emmenmail auf dem Smartphone statt auf Papier – all das ist Teil der Digitalisierung, die quasi als Anhängsel des technologischen Fortschritts eine evolutionäre Entwicklung darstellt.

Die digitale Transformation hingegen ist revolutionär. Der Begriff steht für alle Veränderungen, die durch die Digitalisierung ausgelöst wurden und noch werden. Als Beispiel: Die Möglichkeit, Video- und Audiodaten in grossen Mengen von Rechner zu Rechner zeitgleich übertragen und wiedergeben zu können, ist Teil des technologischen Fortschritts und damit der Digitalisierung. Anbieter wie Netflix haben daraus ein völlig neues Geschäftsmodell entwickelt, neue Kundenerlebnisse geschaffen und unser Verhalten als Medienkonsumenten verändert. Das ist digitaler Wandel.

«Es geht ums Mitgestalten»

Digitale Transformation ändert also grundlegend die Art und Weise, wie Institutionen – ob Wirtschaftsbetrieb oder politische Behörde – und wir als Kunden und Bürger funktionieren. Sie bildet sozusagen die Metaebene des Digitalisierungsprozesses. Im Vordergrund stehen dabei weniger die technologischen Aspekte als vielmehr ein grundlegender kultureller Wandel innerhalb der jeweiligen Organisation.

«Es braucht Impulse, die die Weichen neu stellen, um der Zukunft mit Agilität zu begegnen.»
«Eine angstfreie Gesprächskultur nach allen Seiten ist das A und O.»

Diesen Faden nimmt Sabine Junginger gleich zu Beginn ihres Referats am Dreikönigsgespräch auf, indem sie deutlich macht, worauf der digitale Wandel im Kern zielt: «Es geht nicht nur darum, technologisch Schritt zu halten, sondern vor allem ums Mitgestalten – von Menschen für Menschen», bekräftigt die Leiterin des Kompetenzzentrums Design und Management an der Hochschule Luzern – Design & Kunst.

Am Ende des Tages solle stets eine Verbesserung für die Menschen resultieren. Gerade bei öffentlichen Verwaltungen spielen hierbei Dienstleistungen eine tragende Rolle, nicht nur, weil Menschen ihre Regierung und Verwaltung durch Dienstleistungen erleben, sondern weil es bei Dienstleistungen um Vertrauen geht und sie durch Interaktion, Kommunikation und soziale Innovation Werte vermitteln. «Dienstleistungen sind das Medium, durch das eine Gesellschaft das menschliche Leben verbessert, Gerechtigkeit, Würde und Teilhabe sicherstellt», konstatiert die Referentin.

Mut, Risikobereitschaft, Gesprächskultur

Das lasse sich nur gemeinsam bewerkstelligen. «Wenn wir den digitalen Wandel mitgestalten, dann geht das nicht alleine. Es braucht den Austausch. Nur so können Dienstleistungen geschaffen werden, die tatsächlich einen Mehrwert für die Menschen generieren», meint Junginger. Innovation bedinge den offenen Transfer und das Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Staat.

Das war auch der Tenor am anschliessenden Podiumsgespräch, zu dem sich Benjamin Szemkus, Programmleiter Smart City Schweiz, und Michael Kost, Stv. Gemeindeschreiber und Leiter Bereich Kanzlei und Informatik Gemeinde Emmen, dazugesellten. Szemkus plädierte insbesondere für mehr Mut und die Abkehr von klassischen Hierarchie­strukturen: «Eine angstfreie Gesprächskultur nach allen Seiten ist das A und O, um mit neuen Denkansätzen an eine Sache heranzugehen.» Gewinnbringend seien zudem Menschen, die vorangehen und Druck ausüben: «Agile Leute, die gewillt sind, miteinander zu interagieren und etwas zu riskieren», fordert Szemkus.

Das sieht auch Michael Kost so: «Es braucht Impulse, die die Weichen neu stellen, um der Zukunft mit Agilität zu begegnen. Fehlt der Veränderungswille, wird der Wandel nicht klappen.» Kooperation und Teamarbeit lauten die Stichworte. Für die Gemeindeverwaltung müsse der Fokus stärker auf das Gesamtheitliche gerichtet werden, betont Kost. Und: «Das Befähigen der Mitarbeitenden abseits der Linie ist ein zentraler Aspekt, denn sie sind die Leistungsträger der Verwaltung und fungieren als direktes Bindeglied zur Bevölkerung.»

Die Zutatenliste steht

Die Digitalisierung liefert der Gemeinde Emmen das Rüstzeug, um ihre Dienstleistungen effizienter zu erbringen. Die digitale Transformation ihrerseits lässt neue Strukturen entstehen und ermöglicht eine Vernetzung, die Departements-, Abteilungs- und Hierarchiegrenzen zu sprengen vermag. Dies ist allerdings kein vorgezeichneter Prozess mit klar definierten Massnahmen. Mit welchen konkreten Schritten der Gemeinderat den digitalen Wandel anzugehen gedenkt, wird sich weisen. Die Bereitschaft, sich den Herausforderungen zu stellen, ist jedenfalls gegeben. Und sie zeigt, dass der Gemeinderat die digitale Transformation als Chance erachtet.

Nun steht die grobe Ingredenzienliste: Mut, strukturiertes Vorgehen, Kooperation. Mit der Diskussionsrunde am Dreikönigstag wurde in diesem Sinne ein erster Pflock eingeschlagen. Weitere werden, so versichert Gemeindepräsidentin Gut-Rogger, noch dieses Jahr folgen.


Autor: Philipp Bucher

Impressionen vom Dreikönigsgespräch 2020

Bilder: Stefan Kämpfen / Luzerner Rundschau

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