Schichtwechsel in der Viscosistadt

Die HSLU Design & Kunst steht exemplarisch für die Aufbruchsstimmung im Gebiet Bahnhof/Seetalplatz. (Bild: Christian Felber)

Emmen ist nun definitiv Hochschulstandort. Die Ansiedlung der HSLU Design & Kunst in der Viscosi­stadt bedeutet aber weitaus mehr als studentisches Leben auf dem Platz und die Errichtung eines Neubaus. Vielmehr ist sie Zeichen einer Aufbruchsstimmung, die nicht nur das Gesicht, sondern auch das Selbstverständnis der Gemeinde wesentlich verändern wird.

Sie sind da, zu Hunderten, Künstlerinnen und Künstler, angehende Filmschaffende, Designerinnen, Forschende, kreative Köpfe und schöpferische Tüftler. Seit diesem Herbst besiedeln rund 800 Studierende und 200 Hochschulmitarbeitende das ehemalige Industrieareal der Viscosuisse. Ein neues Gebäude wurde dem 2016 bereits bezogenen Bau 745 zur Seite gestellt und Ende November 2019 offiziell eröffnet. Seither sind alle 14 Studienrichtungen der Hochschule Luzern – Design & Kunst in der Viscosistadt vereint. Die «Kunsti» ist in Emmen angekommen.

«Wir spüren, dass wir von der Gemeinde Emmen als positiver Standortfaktor gesehen werden.»


Gabriela Christen, Direktorin HSLU Design & Kunst

Kein Randgebiet, sondern Entwicklungszentrum

Sehr zur Freude von Gabriela Christen. Die Direktorin der HSLU Design & Kunst kommt während einer Gebäudeführung nicht aus dem Schwärmen heraus. Die Vorteile der Standortkonzentration, betont sie, lägen auf der Hand: «Kürzere Wege, kreatives und kooperatives Arbeiten über alle Disziplinen hinweg und eine moderne Infrastruktur. Hier lassen sich digitale Technologien, traditionelles Handwerk und unternehmerisches Denken ideal kombinieren und die Studierenden bestens auf ihre berufliche Zukunft in der Industrie 4.0 vorbereiten.»


Dass die vormals auf Luzerner Stadtgebiet verstreut gelegenen Standorte nun allesamt in der Viscosistadt unter einem Dach gebündelt wurden, kommt für die älteste Kunsthochschule der Schweiz dem Beginn einer neuen Zeitrechnung gleich. Gabriela Christen spricht von einer neuen Heimat für die hiesige Design-, Film- und Kunstausbildung und -forschung, lokalisiert auf einem ebenso dynamischen wie inspirierenden Areal. «Dieses vermeintliche Randgebiet ist in Wahrheit ein Entwicklungszentrum der Region», bekräftigt sie mit Blick auf das neue «Kunsti»-Zuhause.

Ein neues Selbstbild setzt sich zusammen

Das galt freilich schon vor über 100 Jahren, als der regionale Entwicklungsmotor in Form der Kunstseideproduktion mächtig zu brummen begann. Über 3000 Personen fanden zu den besten Zeiten der Viscose hier eine Beschäftigung, bis das Areal ab der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von globalen Wirtschaftskrisen und Deindustrialisierungsprozessen quasi leergefegt wurde. Geblieben ist das industrielle Erbe, das sich fest in die Gemeinde-DNA eingeprägt hat, welche ihrerseits im Zuge der sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungsprozesse Platz für neue Stränge freilegte.

Diese frei gewordenen Plätze werden nun schrittweise neu belegt: Bereits sind KMU diverser Branchen in die Räumlichkeiten des weitläufigen Areals eingezogen, die ehemalige Viscose-Kantine hat als öffentliches Restaurant Nylon 7 den Betrieb aufgenommen, mit dem Tramhüsli wurde ein sozialer Treffpunkt und mit dem Belluno Platz eine Erinnerungsstätte für Emmens Industriekultur geschaffen. Mit der Ansiedlung der Kunsthochschule ist nun ein weiterer dicker Pflock eingeschlagen worden, der die eingeläutete Neubelebung des ehemals florierenden Industriestandorts massgeblich stützen wird.

Die «Kunsti» bringt dabei aber nicht bloss neues Leben auf den Platz und verwandelt die Gemeinde in einen Hochschulstandort. Mehr noch ist sie gerade mit ihren markanten Bauten ein unübersehbares Zeichen für jene Aufbruchsstimmung, in die sich das Gebiet rund um Viscosistadt, Seetalplatz und Bahnhof dick eingehüllt hat. Die «Kunsti» ist ein Etappenziel auf Emmens Entwicklung zur postindustriellen Gesellschaft und fungiert zugleich als zentrales Puzzleteil auf dem Weg zu einem neuen Selbstbild des einst stolzen Industriestandorts.

Reminiszenz ans Industrieerbe

«Die HSLU ist so ziemlich das Beste, was Emmen passieren konnte», meint hierzu der Historiker Kurt Messmer. Der versierte Kenner von Emmens Vergangenheit zeigt sich begeistert davon, dass sich seine Heimatgemeinde selbstbewusst und zukunftsorientiert den Herausforderungen am Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft stellt. «Der Gemeinderat erkannte frühzeitig, welches Potenzial eine Ansiedlung der HSLU hat, und reagierte goldrichtig.»

Messmers Begeisterung rührt auch daher, dass die Ansiedlung der Kunsthochschule von einem wachen Bewusstsein für die Arealgeschichte begleitet wurde. Vielerorts innerhalb der «Kunsti» trifft traditionelles Handwerk auf digitale Technik, Vergangenes auf Zukünftiges. In der im Neubau untergebrachten Weberei etwa finden sich archaisch anmutende Webstühle direkt an moderne IT-Gerätschaften gekoppelt. «Dass in diesen Räumen heute wiederum gewoben wird, von jungen Kunststudierenden, das repräsentiert eine Erinnerungskultur, wie sie sich kaum besser hegen und pflegen lässt», konstatiert der Historiker.

Solcherart Bänder in die Vergangenheit werden allenthalben geflochten: So fügt sich die glänzende Aluminiumfassade des Neubaus blendend in das industrielle Ortsbild ein, stellenweise wurden die Originalböden belassen, auf denen die Umrisse der einst tonnenschweren Maschinen noch immer zu erkennen sind, und ostwärts landet der Blick durch das Fenster bei der Monosuisse, wo heute noch Industriegarn produziert wird. Ohne in eine nostalgische Larmoyanz zu verfallen, vermag es die HSLU, den Kern von Emmens industriellem Erbe zu erhalten und diesem mit modernen Impulsen zugleich eine neue Oberflächenbeschaffenheit zu verleihen.

«Die HSLU ist so ziemlich das Beste, was Emmen passieren konnte.»

Kurt Messmer, Historiker

Empfang mit offenen Armen

Messmer freut sich zudem, dass die Kunsthochschule hier heimisch werden wollte: «Sie identifizierte sich von Beginn an mit Emmen, ohne die weiten Horizonte der Kunst aus den Augen zu verlieren», sagt er. Tatsächlich befassten sich bereits zahlreiche Studierende in ihren Bachelor- und Masterarbeiten mit Emmen, Forschende besuchten den hiesigen Werkplatz, um gemeinsam mit Emmer Unternehmen Zukunftslösungen zu entwickeln, und Emmer Schulklassen haben in den Hochschul-Werkstätten gewirkt und Ausstellungen gestaltet.

«Wir sind hier persönlich sehr offen aufgenommen und immer unterstützt worden», sagt «Kunsti»-Direktorin Gabriela Christen. «Und wir spüren, dass wir von der Gemeinde Emmen in ihrer langfristigen strategischen Ausrichtung als positiver Standortfaktor gesehen werden. Wir sind gespannt, welche neue Rolle wir nun als Hochschule einnehmen können, um hier Neues entstehen zu lassen.»

Signalwirkung für die ganze Region

Inwiefern die «Kunsti» die Gemeinde Emmen soziodemografisch und kulturell verändern wird, ist heute schwer abschätzbar. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft müsse ohnehin in einem grösseren Rahmen betrachtet werden, meint Historiker Kurt Messmer. «Wenn in den nächsten Jahren das Bahnhofgebiet und der Seetalplatz überbaut werden und die kantonale Verwaltung mit mehr als 3000 Arbeitsplätzen hier einzieht, wird nochmals eine neue Ära eingeläutet.» Daher sei es nötig, von der Viscosistadt aus den Blick zu weiten, auf die ganze Gemeinde und darüber hinaus auf die Region.

Der Schichtwechsel in der Viscosistadt jedenfalls ist eingeläutet. Die HSLU, meint Gabriela Christen, verstehe sich als ein Gestaltungsraum für Menschen, die die Welt verändern wollen. Schliesslich sei Design nicht bloss schönes Gestalten, sondern betreffe auch Innovationen in Wirtschaft, Organisation und Gesellschaft. Emmens Gesicht wird die «Kunsti» freilich um einige Züge bereichern – und das neue Selbstbild der Gemeinde von da aus in die ganze Welt hinaustragen.


Autor: Philipp Bucher

Experten für die unbekannte Zukunft

Die 1877 gegründete Hochschule Luzern – Design & Kunst gilt als die älteste und traditionsreichste Design-, Film- und Kunstausbildungsstätte der Deutschschweiz. 2016 zog die erste Hälfte des Departements nach Emmenbrücke ins 745 auf dem ehemaligen Viscose-Areal. Im Sommer 2019 folgte die zweite Hälfte in den vom Architekturbüro Harry Gugger Studio entworfenen Neubau. Seither sind alle Studierenden des Gestalterischen Vorkurses, der elf Bachelor-Vertiefungen und drei Master-Studiengänge sowie die Dozierenden und Forschenden räumlich vereint. Bis 2022 soll zudem die Fachklasse Grafik ebenfalls in die Viscosistadt ziehen.

Eng begleitet wurde der Umzug der «Kunsti» in die Viscosistadt von Gabriela Christen, die seit 2010 als Direktorin der Hochschule Luzern – Design & Kunst amtet. Im Interview wagt die 58-Jährige eine erste Standortbeurteilung.

Gabriela Christen, was waren die Beweggründe, die HSLU Design & Kunst in die Viscosistadt zu verschieben?

Die leerstehende Fabrik, die Öffnung des Industrieareals für uns als Bildungsinstitution, die gute Zusammenarbeit mit der Viscosistadt AG und der sehr offene und gute Empfang durch die Gemeinde Emmen.

Inwiefern unterscheidet sich der neue vom bisherigen Standort?

Wir waren auf unterschiedliche Standorte verstreut, jetzt sind wir an einem inspirierenden Ort mit Industrie, Kreativwirtschaft und Bildung. Die Viscosistadt und Luzern Nord sind Orte der Veränderung und des Aufbruchs, das ist für eine Hochschule mit Design, Film und Kunst ideal.

Wie nehmen Sie Emmen im Allgemeinen und die Viscosistadt im Besonderen wahr?

Ein inspirierender Ort, an dem in den letzten Jahren viel passiert ist. Mit uns zusammen ist die IG Arbeit gekommen und konnte die ehemalige Kantine, das Nylon 7, als öffentliches Restaurant eröffnen. Mit der Stiftung Tramhüsli ist es uns gelungen, ein Landmark der Industriekultur von Emmenbrücke zu retten und einen sozialen Treffpunkt zu schaffen. Wir wären sehr glücklich, wenn neben Industrie, Gastronomie und Bildung auch die Kultur und Kunst unterstützt würden. Mit dem akku hat Emmen einen tollen Kunstraum, der im Areal der Viscosistadt weiterhin eine wichtige Rolle spielen sollte.

Was macht die «Kunsti» mit Emmen?

Das werden wir in den nächsten Jahren sehen müssen. Wir sind für die Gemeinde Partnerin in unseren Kompetenzen, die von Innovationsprozessen für Unternehmen bis zu der Gestaltung öffentlicher Räume durch die Kunst gehen. Unsere Forschenden suchen Partner in den Emmer Unternehmen, um gemeinsam Lösungen für die Probleme der Zukunft zu entwickeln. Und unsere Räume, die Ausstellungsräume im Erdgeschoss, die Bibliothek, das Café stehen allen Emmerinnen und Emmern offen.

Was macht Emmen mit der «Kunsti»?

Wir schätzen die Nähe der Industrie und einer Umgebung, die sich in Entwicklung befindet. Hier finden unsere Studierenden Orte, die sie nicht kennen und hoffentlich auch mitgestalten können. Dazu kommt der schöne und auch rohe Aussenraum entlang der Kleinen Emme und dem Seetalplatz.

Wo verorten Sie Verbindungspunkte zwischen Emmens industriellem Erbe und der Kunsthochschule?

Die Hochschule wurde im Zeitalter der Industrialisierung gegründet, um Produkte zu ermöglichen, die in der seriellen und standardisierten Massenproduktion nicht möglich waren. Heute sind wir an einem anderen Punkt. Dank Robotik und künstlicher Intelligenz brauchen Wirtschaft und Gesellschaft Innovation und Kreativität von Menschen, die kritisch und engagiert denken können. Diese Designer, Filmerinnen und Künstler bilden wir bei uns aus. Sie sind die Experten für die unbekannte Zukunft.

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