Ausgezeichnetes Emmer Kunstgewissen


Isolde und Karl Bühlmann erhalten den Emmer Kulturpreis 2019. Der Gemeinderat ehrt damit zwei Emmer, die mit ihrem Wirken in der Galerie Gersag und der akku Kunstplattform Dutzenden nationalen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform gegeben haben. Sie setzen sich seit Jahrzehnten als Kuratoren und Vermittler zeitgenössischer Kunst sowie als Stiftungsräte diverser Sammlungen ein und haben die Kunstpädagogik für Kinder in Emmen gegründet.

Wer in seinem Arbeitsalltag die Schreibmaschine noch bedient hat und heute bei Instagram angekommen ist, überblickt zwangsläufig eine lange Zeit. «Engagiert, verbunden und unermüdlich – Isolde und Karl Bühlmann stehen seit über 45 Jahren für erlebbare zeitgenössische Kunst und prägen damit wesentlich das kulturelle Verständnis der Gemeinde Emmen», schreibt der Gemeinderat in seiner Würdigung der Preisträger. Er ehrt damit die Leistungen und Verdienste von beiden, die mit ihrem nachdrücklichen Schaffen durchaus als «Emmer Kunstgewissen» bezeichnet werden dürfen.

1970, als die Vorgängerin der Galerie Gersag im zweiten Stock in der Filiale der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft erste Ausstellungen durchführte, war Karl Bühlmann bereits im Einsatz – ehrenamtlich. Diese Verbundenheit mit der Kunst und ihrer Vermittlung in der Gemeinde sollte noch lange dauern. Zwei Jahre später, mit der Eröffnung des Zentrums Gersag, dislozierte die Gemeindegalerie Gersag ins Verwaltungsgebäude. 17 Jahre lang standen ihr für die Ausstellungen das achte und neunte Stockwerk zur Verfügung. Ab Ende 1988 war die inzwischen in «Galerie Gersag» umgetaufte Kunstinstitution im obersten Stockwerk zu Hause. Mit ihren Trouvaillen unter den 240 Ausstellungen in 35 Jahren wurde sie schweizweit wahrgenommen. Ein Erfolg, für den Isolde Bühlmann als Leiterin der Galerie Gersag ab 1986 und bis zu deren Ende während 20 Jahren verantwortlich war.


Als Tandem sahen sich die Bühlmanns seit Beginn, mit klarer Aufgabenteilung, jeder für sich und doch zusammen. Isolde Bühlmann kuratierte die Ausstellungen und richtete ein, Karl Bühlmann schrieb die Konzepte und Texte dazu. Gemeinsam pflegten sie die Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern sowie Museen und Ausstellungsmachern in der ganzen Schweiz und organisierten Kunstreisen. Sie förderten die Tradition und das Potenzial, welche der Kunstsammlung der Gemeinde mit ihren vielen Plastiken, Skulpturen, Gemälden und Zeichnungen eigen sind.


Nach dem Ende der Galerie Gersag 2007 wurden während zwei Jahren andere Standorte für die Fortsetzung der Ausstellungstätigkeit sowie neue Trägerschaften evaluiert. 2010 wurde als Nachfolgerin die akku Kunstplattform eröffnet, als erste Kulturinstitution auf dem Viscose-Gelände. Isolde Bühlmann nahm Einsitz im Stiftungsrat und richtete einige Ausstellungen ein, Karl Bühlmann wurde Geschäftsführer der Stiftung.

ISOLDE UND KARL BÜHLMANNN


«Es dreht sich täglich immer irgendwann um Kunst bei uns.»

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Auszeichnung erfahren haben?

Isolde Bühlmann: Es lief wie ein innerer Film in meinem Kopf ab, als mir der Kulturdirektor vom Preis berichtete. Die Bilder von den Anfängen und von vielen tollen Begegnungen in der Galerie tauchten wieder auf. Ich freute mich über die Auszeichnung.

Karl Bühlmann: Meine erste Gefühlslage war zwiespältig. Ist das der richtige Zeitpunkt für eine Auszeichnung, nachdem die akku Kunstplattform momentan in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt? Mit ein paar Tagen Distanz und aufgrund zahlreicher Reaktionen beglückt mich die Anerkennung auch und ich danke dafür. Ich betrachte den Preis als Wertschätzung der Sisyphus-Ausdauer des Tandems Bühlmann.

Ausdauer, eine wichtige Eigenschaft in der Kunstszene?

Karl Bühlmann: Die Kunst ist nicht «ein Sirup, der einem durch die Finger läuft», wie es der Künstler Daniel Spörri einmal spöttisch formulierte. Uns ging es in der Galerie und im akku nicht um Sirup, Hype und leichte Unterhaltung. Nachhaltigkeit verlangt Ausdauer.

Isolde Bühlmann: Kontinuität und Glaubwürdigkeit waren wichtig, um Leihgaben von Museen und Sammlungen zu erhalten, was uns gut gelungen ist. Das wiederum gab uns die Möglichkeit, den Beitrag der Gemeinde an die Galerie mit Ausstellungssponsoren zu vervielfachen. Immer wieder konnten Kunstwerke aus Ausstellungen verkauft und die Erlöse daraus für nächste Ausstellungen eingesetzt werden.

Karl Bühlmann: Legendär waren die Dachterrassen-Vernissagen zu den jeweils thematischen Ausstellungen im Sommer. Sie waren ein gesellschaftliches Ereignis für Gönner und Sponsoren, und Politiker, Bankdirektoren und Regierungsräte bewarben sich um eine Einladung.

Isolde Bühlmann: (Lacht.) Tagelang stand ich jeweils zu Hause in unserer heissen und überfüllten Küche und habe das gesamte Catering entlang dem Ausstellungsmotto vorbereitet. So etwas wäre heute wohl nicht mehr denkbar.

«Vor Jahren haben wir ein Gemälde von Giovanni Giacometti im Wert von 250 000 Franken, in ein Leinentuch gewickelt, in unserem Auto transportiert. Heute ist das undenkbar.»

Die Kunstszene hat sich stark verändert, mit welchen Auswirkungen?

Karl Bühlmann: Die Galerie Gersag hatte Akzente auf die Malerei gesetzt. Das Publikum dafür ist älter geworden. Die Kunstgattungen sind fragmentiert, werden befruchtet von multikulturellen Einflüssen, Kunst ist häufig nicht mehr etwas, was man nach Hause tragen kann. Auch das Publikum verhält sich anders. Darauf musste sich akku einstellen, mit der Berücksichtigung von neuen Darstellungsformen wie Installationen, Video, Performance. Die Ausstellungsgestaltung ist aufwendiger als früher, Künstlerinnen und Künstler bringen sich stärker selber in ihre Ausstellung ein. Der administrative Aufwand ist grösser geworden, die Transport- und Versicherungskosten auch.

Isolde Bühlmann: (Schmunzelt.) Ich erinnere mich, wie wir vor Jahren ein Gemälde von Giovanni Giacometti im Wert von 250 000 Franken, in ein Leinentuch gewickelt, in unserem Auto transportierten. Heute ist das undenkbar. Verändert hat sich auch die Geldbeschaffung. Es gibt weniger Sammler, weniger grosse Unterstützer, dafür mehr Gesuchsteller. Die persönliche Beziehung zu Gönnern und Donatoren ist wichtig. Bei grossen Firmen sind nicht mehr die «Patrons» da, welche ein Faible für Kultur und Kunst haben.

Einen ganz besonderen Akzent setzen Sie seit Jahrzehnten in der Kunstvermittlung für Kinder. Weshalb?

Isolde Bühlmann: Die Kunstpädagogik für Kinder in Emmen geht auf die Galerie Gersag zurück. Die Gemeinde sammelte seit den 1940er-Jahren Kunst und galt im Kanton als Vorbild für Kulturförderung. In jedem Schulhaus, in jedem grossen Saal und auf Plätzen waren Kunstwerke bedeutender Künstler präsent und haben sich wohl in das Verständnis dieser Generationen gebrannt. Weil das Gestalterische und Musische in der Schule nach unserer Meinung zu wenig Platz hatte, begannen wir in der Galerie Gersag die Schulklassen zu speziellen Führungen und Lektionen einzuladen. Eines dieser Projekte mit dem Namen «Mit Kunst ins Klassenzimmer» wurde 2002 mit einem Europäischen Kunstpreis ausgezeichnet. Im akku wird das Angebot mit dem neuen Namen «Kunstvermittlung» heute sehr professionell gehandhabt und geschätzt: Die Kurse im Kinderatelier sind ausgebucht, die jährlichen Workshops für Emmer Schulklassen ebenfalls.

Gibt es bei Bühlmanns den kunstfreien Raum?

Karl Bühlmann: Es dreht sich täglich immer irgendwann um Kunst bei uns (lacht). Und wenn schon beim Frühstück das Thema akku aufkommt, wird über meine vormittägliche Gefühlslage entschieden: Ist die Materie positiv oder zumindest neutral, trinke ich eine zweite Tasse Tee, wenn jedoch ein akku-Problem auf den Magen schlägt, fällt das Frühstück kürzer aus. Wenn wir ganz abschalten wollen, müssen wir in unser Reduit ins Tessin gehen. In der Abgeschiedenheit können wir endlich die Bücher-Beige abbauen, nachgelassene Zeitungen lesen, Musik hören, wandern, Holz spalten, Reben und Sträucher schneiden, Kulinarisches geniessen – und uns Zeit für den längst fällig gewordenen Vorsorgeauftrag nehmen. Das hatte meine Frau schon 2007, beim Abschied von der Galerie Gersag, vorgenommen.


Autor: André Gassmann

EMMER KULTURPREIS

2012 wurde der Emmer Kulturpreis als Nachfolgeauszeichnung des Emmer Impuls zum ersten Mal verliehen. Er geht an Einzelpersonen, Vereine und Institutionen, die sich um die Kultur in Emmen verdient gemacht haben oder die besonders förderungswürdig sind. Der Kulturpreis wird vom Gemeinderat auf Empfehlung der Kulturkommission vergeben. Die Preisträger:


2019: Isolde und Karl Bühlmann, Kunstvermittler und -pädagogen

2018: Nicole Davi, Theaterschaffende und Schauspielerin

2017: Kurt Messmer, Historiker

2016: Bruno Koch, Vereinsgründer und Musiker

2015: Haris Dubica, Filmemacher

2014: Corina Schranz, Sopranistin

2013: Beat Portmann, Schriftsteller

2012: Sergio Sardella, Komödiant

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