Kopf des Monats

Max Siegrist

Präsident der reformierten Kirchgemeinde Emmen-Rothenburg

16 Jahre lang hat er die reformierte Kirchgemeinde Emmen-Rothenburg als Präsident begleitet. Nun gibt Max Siegrist sein Amt auf Ende Dezember 2019 ab und erzählt rückblickend über die Bedeutung von Gemeinschaft, Veränderung und der Weihnachtszeit.


Bereits seit über 50 Jahren ist Max Siegrist aktiver Teil der reformierten Kirchengemeinde Emmen-Rothenburg. Anfangen hat alles im Auftrag eines Pfarrers, der nach einer Begleitperson für eine Jugendgruppe suchte. Dieser erste Einblick in die Aufgaben einer Kirchengemeinde hat den jungen Siegrist gepackt und seither nicht mehr losgelassen. Doch nun, nach 16 Jahren als Präsident, gibt Siegrist sein Amt auf Jahrsende ab und schaut zurück auf diese Zeit.

Was haben Sie als Präsident der reformierten Kirchengemeinde Emmen-Rothenburg in den letzten 16 Jahren gemacht?

Meine Aufgabe war es zu begleiten, zu kommentieren, manchmal auch zu korrigieren sowie Sitzungen und Versammlungen der Kirchgemeinde zu leiten. Als Präsident habe ich ein administratives, verwaltungsmässiges Mandat ausgeführt, in dem ich grundsätzlich nur beschränkt Einfluss auf die Abläufe in der Kirche genommen habe. Es war eine schöne Aufgabe, in der ich mit vielen Menschen in Kontakt trat und das Gefühl hatte, etwas Wichtiges zu leisten.

Gab es Zeiten, in denen sie mit der Kirche gehadert haben?

Ja, und nicht nur einmal, denn ich reflektierte stets über die Geschehnisse in der Kirche. Wenn mir schien, die Kirche bewege sich in die falsche Richtung, habe ich dies immer zum Ausdruck gebracht und versucht, die Weichen neu zu stellen.

Wann war das der Fall?

Immer dann, wenn es um Themen ging, die von gesellschaftlicher Bedeutung waren, und die reformierte Kirche zögerte, sich dazu zu äussern. Ein Beispiel ist die Friedenspolitik. Denn dort hätten wir zu gewissen Zeiten deutlich stärker Stellung beziehen sollen, beispielsweise dann, wenn Mächte sich in anderen Teilen der Welt aufspielen, Menschen ausbeuten und Konflikte kreieren.

Im Sinne: Man soll in der Kirche nicht nur für den Frieden beten, sondern sich auch dafür einsetzen. Denn der Himmel hat noch nie für Frieden gesorgt. Die Menschen auf der Erde müssen ihn bewerkstelligen.

Hat die reformierte Kirche mit abnehmenden Mitgliederzahlen zu kämpfen?

Ich denke, überall zeigt sich heute das gleiche Bild, ob in der reformierten oder katholischen Kirche: Mitgliederschwund und Passivität der bestehenden Mitglieder. Wir versuchen, mit Veranstaltungen und Verlautbarungen Gutes zu tun, über das man redet, mit dem man überzeugt. Die Werbemittel einer Kirche sind jedoch sehr begrenzt, wir verkaufen schliesslich nichts. Zurzeit müssen wir vor allem an die vorhandenen Mitglieder denken und dafür sorgen, dass sie in unserer Gemeinschaft bleiben.

«Der Himmel hat noch nie für Frieden gesorgt. Die Menschen auf der Erde müssen ihn bewerkstelligen.»

Wieso spielt für viele Menschen heute die Kirche keine so zentrale Rolle mehr?

Die Kirche steht in Konkurrenz mit anderen Institutionen, die den Menschen Sinnsitftendes anbieten und dafür nicht auch noch Steuern erheben. Leider sind es vor allem junge Menschen, die sich sagen, was ich in der Kirche bekäme, finde ich auch anderswo.

Was kann die Kirche in der heutigen Zeit noch bieten?

Ich bin davon überzeugt, dass der kirchlichen Gemeinschaft auch heute noch eine wichtige Bedeutung zukommt. Gottesdienst findet nicht nur dann statt, wenn im Kirchturm die Glocken läuten. Gottesdienst ist auch dort, wo andere wegschauen: bei Begegnungen mit Menschen, die Erbauung und Gemeinschaft suchen, die Zuspruch oder Hilfe brauchen, bei Notleidenden, beim Asylwesen. Wo andere Institutionen Aufgaben des Begleitens von Menschen nicht mehr oder ungenügend wahrnehmen, schenkt ihnen die Kirche Zeit, Achtung und Gehör. Sie ermöglicht Begegnungen ohne Konsumationszwang, aber mit Aufmerksamkeit.

Was hat sich in Ihrer Zeit in der reformierten Kirche verändert?

Die reformierte Kirche verändert sich stetig. Wie es der Name bereits verrät, passt sie sich immer wieder an und reformiert sich. Vieles im kirchlichen Leben hat sich in meiner Zeit gewandelt: Die Gottesdienste und der Umgang innerhalb der Kirchgemeinde sind offener geworden, die Kirche geniesst nicht mehr dieselbe Autorität wie früher und auch bezüglich der Formen gab es eine starke Liberalisierung. Wenn man vor 30 Jahren noch mit den Sonntagskleidern zur Kirche ging, macht man das heute kaum noch. Allgemein sind die Äusserlichkeiten, die früher die Kirche ausgezeichnet haben, stark in den Hintergrund getreten. Und auch die Digitalisierung macht vor der Kirche nicht halt. Es ist wichtig, dass wir uns Veränderungen nicht verschliessen und offen bleiben für Neues.

Die Weihnachtzeit bricht bald an. Was möchten sie den Menschen in dieser Zeit mitgeben?

In einer Kirchgemeinde, aber auch für mich selbst steht das «an andere denken» mehr im Vordergrund das materielle Geben. Zeit und Aufmerksamkeit schenken ist bei vielen nachhaltiger als das «Gschänkli uuspacke».

«Zeit und Aufmerksamkeit schenken ist bei vielen nachhaltiger als das Gschänkli uuspacke.»

In der Weihnachtszeit gehen wieder mehr Menschen zur Kirche und nehmen an kirchlichen Anlässen Teil. Wieso ist das so?

Ich glaube, dass das damit zu tun hat, dass kaum ein kirchliches Fest so in der Tradition und im Jahresverlauf verankert ist wie die Advents- und Weihnachtszeit. Und dies von den Jüngsten bis ins hohe Alter. Mit Anlässen wie dem Kerzenziehen oder mit speziellen Weihnachtsfeiern vermag die Kirche in der Advents- und Weihnachtszeit auch Menschen anzuziehen, welche sonst an den Kirchen vorbeigehen. Wir versuchen mit unseren Anlässen dem Weihnachtsgehetze etwas entgegen zu setzen und Angebote zu schaffen, die entschleunigend wirken. Gleichzeitig soll die Kirche natürlich auch immer wieder sagen, was sie an Weihnachten feiert.

Was bedeutet Advent und Weihnachten für Sie?

Es ist für mich eine Zeit, in der man sich für andere mehr Zeit nehmen sollte als sonst. Für die eigene Familie, aber auch für Menschen, die es nicht so gut haben wie man selbst. Und das auch im kirchlichen Leben. Es gehört zur Tradition unserer Kirchgemeinde, einen Teil des Reinerlöses aus dem Kerzenziehen einer Weihnachtsaktion zu überweisen. Ich selbst geniesse in der Advent- und Weihnachtszeit die besondere Stimmung, welche an vielen Orten die Menschen vereint. Ich freue mich zum Beispiel jedes Mal, wenn am Weihnachts-Singen in der Primarschule Krauer, das ich jedes Jahr besuche, Kinder von unterschiedlichster Herkunft Seite an Seite mit vollem Elan Weihnachtslieder singen.


Was hat Ihnen diese Zeit als aktiver Teil der reformierten Kirchengemeinde Emmen-Rothenburg gegeben?

In allen Funktionen war es für mich immer ein Austausch mit anderen Menschen und Gedanken, der im Vordergrund stand und mir viel Freude bereitet hat. Der Glaube, daran, Gutes zu bewirken, gab mir 16 Jahre lang «Schnuuf». Ich wünsche mir, dass die reformierte Kirchgemeinde Emmen-Rothenburg auch in Zukunft vielen Menschen ein Ort der Begegnung, Erbauung und Aufmunterung sein wird. rten die Menschen vereint. Ich freue mich zum Beispiel jedes Mal, wenn am Weihnachts-Singen in der Primarschule Krauer, das ich jedes Jahr besuche, Kinder von unterschiedlichster Herkunft Seite an Seite mit vollem Elan Weihnachtslieder singen.

Was durften Sie in ihrer Zeit als Präsident erleben, dass Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?

Es gab viele Ereignisse, an die ich immer gerne denken werde, getragen von Menschen, die sich mit Herzblut engagiert und eingesetzt haben. Ohne diese Unterstützung wäre ich kaum so lange Präsident geblieben. Ich durfte neue Pfarrpersonen, Sozialdiakone und Jugendarbeiterinnen einsetzen und langjährige Mitarbeitende verabschieden. Ich durfte die Renovation zweier Kirchen begleiten und ein neues Kirchzentrum eröffnen. Und ich durfte miterleben, dass auch das Hochwasser von 2005 unser Kirchgemeindehaus nicht ertrinken liess.


Autorin: Larissa Brochella


«Gottesdienst findet nicht nur dann statt, wenn im Kirchturm die Glocken läuten.»

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