Die verborgene Welt im Viscosi-Bunker

Tausende Arbeitsstunden, hunderte Kilo Gips und viel Schweiss und Tränen stecken in der Modelleisenbahnanlage im ehemaligen Zivilschutzkeller in der Viscosi­stadt, dem Bunkerstore. Doch die Mühe zahlt sich aus: Strahlende Gesichter und Bewunderung kommen den kreativen Köpfen hinter dieser Miniaturwelt zur Genüge entgegen.

Einer der Züge erreicht gerade den hell erleuchteten Durchgangsbahnhof, hält kurz an und begibt sich dann auf seine zwei­minütige Reise. Er geht am Dorfzentrum vorbei, wo sich eine kleine Menschenmenge vor dem Rathaus versammelt hat und demonstriert, dann durch einen kurzen Tunnel hinaus, mitten hinein in eine idyllische Berglandschaft, die einen Ausblick wie aus einer Wanderbroschüre verspricht: saftig grünes Gras, kristallklares, blaues Wasser, zierliche Bäumchen und eine purpurrote Bergbahn. Schliesslich überquert der Zug eine dunkelgrüne Brücke und passiert auf dem Weg zurück an den Ausgangspunkt seiner Reise ein gut besuchtes Open-Air-Konzert.


So dreht einer der zwölf Züge in der wunderbaren Modelleisenbahn-Welt von Max Estermann und Kollegen im Bunkerstore seine Runden. Und jedes Mal, wenn man hinsieht, sticht einem ein neues Element ins Auge. So detailliert ist die Anlage und so bezaubernd und faszinierend leuchten einem die Scheinwerfer der Lokomotiven, die Lichter am Flugplatz oder die erhellten Mini-Werbetafeln im verdunkelten Raum entgegen. Vereint werden die hundertfachen elektronischen Details in einem Kabelsalat unter der Anlage, bei dem selbst die Bauherren bisweilen den Überblick verlören.

Fingerspitzengefühl und Bier

Trotzdem: Das Herumtüfteln mit der Elektronik bereite ihm am meisten Freude, verrät Max Estermann. Die Fahrzeuge auf der grossen Baustelle, die einen weiten Bereich auf der Anlage einnimmt, wurden allesamt vom Bunkerstore-Team selbst hergestellt. Ebenso wie grosse Teile der übrigen Landschaft, wovon sich ganz schön was sehen lässt: Flüsse, Wiesen, ganze Wälder und felsige Hügel schmücken die Anlage und lassen neben der geschäftigen Stadt, dem Bauernbetrieb und den vier Bergbahnen das Gefühl aufkommen, man erlebe ganz viele Welten auf einmal, parallel zueinander.


Über 2000 kleinere und grössere Figuren zieren das Kunstwerk und hauchen ihm Leben ein. Diese mit Heissleim auf der Anlage zu befestigen, sei eine sehr mühselige Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl verlange, verrät der Erschaffer, der mittlerweile allerdings relativ gut damit umzugehen wisse: «Nachdem du 100 solcher Figuren befestigt hast, brauchst du erst mal zwei bis drei Bier, bevor es weitergeht», meint Estermann lachend.

Inspiration im Zivilschutzkeller

Als Kinder regelrechte Modelleisenbahn­-Fanatiker, haben sich die Hobby-Tüftler aus dem Bunkerstore das Anlagenhandwerk mit Schützenhilfe aus ihrer Lehrzeit auf dem Bau selbst beigebracht. Die Idee für die riesige Miniaturwelt ist im Jahr 2005 zum ersten Mal aufgekommen und nahm zunächst in Littau im Gasshof erste Formen an. Seit rund fünf Jahren wächst das Kunstwerk im ehemaligen Zivilschutzkeller in der Viscosistadt. Der Zivilschutzkeller bot nebst den Räumlichkeiten für die beeindruckende Anlage auch Inspiration für den Namen Bunkerstore.


In diesen fünf Jahren wurde ganze Arbeit geleistet, denn die Anlage zählt mit ihren 70 Quadratmetern nicht nur zu den fünf grössten in der Zentralschweiz, sondern wurde auch mit einer ausserordentlichen Detailliebe gestaltet. Viele Vereine, die ähnliche Anlagen bauen, würden in dieser Zeit lediglich einen Bruchteil dessen aufbauen können, gibt Estermann stolz preis. «Ab und zu bekommen wir Anfragen für Kurse oder Anleitungen für diese oder jene Elemente. Aber es gibt da kein spezifisches Erfolgsrezept, man probiert einfach aus, baut Prototypen, schaut, was gut aussieht, und lernt.»

«Nachdem du 100 solcher Figuren befestigt hast, brauchst du erst mal zwei bis drei Bier, bevor es weitergeht.»

Zeit, Geld und Schweiss

«Jeden Mittwoch und gelegentlich zusätzlich an den Wochenenden haben wir hier Basteltag», erklärt Estermann. Über 2000 Stunden hat das Bunkerstore-Team bereits in den Anlagenbau investiert. Doch nicht nur zeitlich, auch finanziell haben sie sich da ein Hobby der intensiveren Sorte ausgesucht: «Es steckt bestimmt bereits fast eine Viertelmillion Franken in dieser Anlage drin», verrät Bauherr Estermann.



Zu 95 Prozent sei das Hobby selbstfinanziert. Zusätzliche Einnahmen werden über Sponsoren – grösstenteils Baufirmen – sowie mit dem kleinen Verkaufs-Shop im Raum neben der Anlage generiert, in dem ausgemusterte Teile zum Weiterverkauf feilgeboten werden. Einmal pro Monat veranstalten sie zudem einen Tag der offenen Tür, an dem man ihr Werk bewundern und nach Wunsch finanziell unterstützen kann. Vergleichsweise blieben die Einnahmen jedoch weit hinter den Ausgaben zurück.

«Es steckt bestimmt bereits fast eine Viertelmillion Franken in dieser Anlage drin.»

Sehen und Staunen

Den Bunkerstore für Besucher/innen zu öffnen, war von Anfang an geplant. Doch es dauerte bis vor einem Jahr, bis die Anlage so weit war, um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. «Es wäre äusserst schade, diese ganze Arbeit niemandem zu zeigen», konstatiert Max Estermann. «Vor allem die Kinder sind immer herrlich begeistert, wenn sie die Züge fahren sehen.» Manchmal seien sie auch etwas zu begeistert, sodass Estermann sie regelmässig ermahnen müsse, vorsichtig zu sein.


In diesem Meer aus grau-beigen Fabrikmauern und verschlossenen Türen in der Viscosistadt ist der Bunkerstore gar nicht so einfach zu finden. An Besuchstagen sei der Eingang jedoch selbstverständlich klar beschildert, betont Estermann, und so finden normalerweise 50 bis 100 Besucher/innen ihren Weg in den Bunkerstore. «Nach einem Artikel, der Anfang 2019 über uns in einer regionalen Zeitung erschienen ist, waren es auch schon 500 auf einen Schlag.» Grösstenteils sind es Familien mit Kindern oder Personen im Rentenalter, die an den Samstagen von der Modelleisenbahnanlage angezogen werden.

«Bis jetzt haben wir nur Komplimente bekommen», freut sich Estermann. Es sei ein gutes Gefühl, diese Anerkennung der Besucher/innen. «Für uns ist das eine schöne Bestätigung, dass wir mit unserer Anlage mit anderen Profianlagen mithalten können.» Die Bauherren selbst kämen kaum dazu, die Anlage einzuschalten. Die Modelleisenbahn fungiere so hauptsächlich als Grund für das künstlerische Schaffen. Und dabei nehmen sich die Hobby-Tüftler nicht allzu ernst und lassen sich das eine oder andere witzige Detail nicht entgehen. So zieren Sujets wie ein Trump-Plakat die winzigen Werbetafeln entlang der Gleise und werden regelmässig aktualisiert. «Darüber müssen die Leute immer wieder schmunzeln», freut sich Max Estermann.


Eine lange Geschichte für Gross und Klein

Über 200 Jahre ist es her, dass der Engländer William Murdock die erste Eisenbahn baute. Und bis heute bleibt eine Faszination für die filigranen Züge erhalten. Nicht nur die Kleinen, auch die Grossen zeigen sich von diesen Modellwelten begeistert. Während sich die einen ganz der Faszination für die Miniaturwelt hingeben, begeistern sich die anderen für das komplexe Konstrukt, das hinter den ausgeklügelten Modelllandschaften steckt, erklärt Estermann.



Doch sicher ist es auch eine gewisse Magie, die dem einen oder anderen staunenden Gesicht zugrunde liegt, wenn der eigentlich karge Raum ins Dunkel gehüllt und die Gebäude und Landschaften ins Licht der Strassenlampen und Scheinwerfer getaucht werden, das ganze Spektakel in Begleitung einer Geräuschkulisse aus knatternden Zügen.


Autorin: Larissa Brochella

«Vor allem die Kinder sind immer herrlich begeistert, wenn sie die Züge fahren sehen.»

Besuchstage im Bunkerstore

Der Bunkerstore öffnet seine Türen regelmässig für die Bevölkerung. Die nächsten Tage der offenen Tür finden statt am 11. Januar 2020, am 8. Februar 2020 und am 21. März 2020.

Weiter Infos unter www.bunkerstore.ch

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